Schloss Neuwied; text reads “SCHLOSS NEUWIED (Klassizismus),” “SOUVENIR VON NEUWIED,” and “GOLDENER SCHNITT - PROPORTIONEN.”

Ich finde nicht nur das Wort „Klassizismus“ ansprechend, es steht auch für schöne Architektur und für sich ein verschiebendes Klassendenken. Auch wenn noch viel Zeit vergehen sollte, kam der Wandel in Richtung heutige Zeit in Schwung.

Denn unter Ludwig XVI und seiner Frau Marie Antoinette explodierte die Blase, die sich zur Zeit des Barocks immer mehr und mehr ausgeweitet hatte. Die französische Monarchie und die Adelshäuser hatten den Bogen viel zu weit überspannt. So endete mit der französischen Revolution im Jahre 1789 das absolute Herrschertum. Mit diesem Ereignis hielten in der Malerei zum ersten Mal politische Motive Einzug.

Die Bildung, bis zur Revolution ein Vorrecht des Adels und der Geistlichkeit, wurde endlich allen Menschen zugänglich gemacht. Schulen und Bibliotheken entstanden, ebenso Spitäler und Gaststätten.

Die Epoche des Klassizismus wurde eingeläutet, sie dauerte etwa von 1770 bis 1850.

Was du hier lesen kannst:

Die Archäologie verändert die Architektur des Klassizismus

1763 wurde bei archäologischen Ausgrabungen eine Inschrift gefunden: rei publicae Pompeianorum. Man hatte Pompeji entdeckt. Die bei einem Vulkanausbruch 79 nach Christus verschüttete Stadt des antiken Roms weckte bei den Menschen ein neues Interesse für die Antike. Für die Baukunst hiess das: Studium und Neuschöpfung der klassischen Architektur.

Das Verspielte das Barock und Rokoko wich einer strengeren und klareren Formensprache. Geometrische Formen, gerade Linien, rechte Winkel und Symmetrie, vorzugsweise in Einhaltung des goldenen Schnittes, lebten wieder auf. Nachahmungen des griechischen Tempels mit Giebelfeld und unterstellten Säulen waren Inbegriff von harmonischem Bau.

Im Inneren fand sich die Papiertapete mit Blumen- oder Streifenmustern auf den Wänden. Die Böden waren meist aus Parkett oder Riemen, manchmal mit Teppichen belegt. Vorhänge waren Bestandteil jeder Raumausstattung. Die Möbel wurden in Gruppierungen in den Zimmern verteilt. Deren Optik hatte wieder eine klare, gerade Form angenommen. Englische Tischler wie Adam, Hepplewhite oder Sheraton traten in die Sichtbarkeit.

Zur Zeit des Empire, einer Form des Klassizismus, die unter Napoleon seinen Ursprung nahm, galt nebst dem römischen und griechischen Stil auch der des alten Ägypten als „in“ . Wichtige Symbole dieser Zeit und dem antiken Ägypten angelehnt waren: Napoleons Biene und die Krone. Sie zierten Tapeten und Stoffe

Wichtige Symbole in der Zeit des Empire, einer Unterform des Klassizismus: Die Biene und die Krone. Napoleon liess sie für Stickereien, Tapeten und die Malerei verwenden. Hier in Schwarz und Weiss abgebildet.

Auch die Fussformen der Möbel waren nach dem Vorbild des antiken Ägyptens in Form von Tierfüssen gestaltet.

Aufschwung im Klassizismus – der Handel mit Souvenirs

Das Reisen wurde mit dem Fund von Pompeji und den entstehenden Fortbewegungsmitteln immer beliebter. Zur Zeit des Klassizismus geschah dies noch mit von Pferden gezogenen Kutschen.

Schweizer Regionen wie das Bündnerland, das Appenzellerland oder das Berner Oberland erfreuten sich bei zahlungskräftigen Touristen aus Deutschland, Frankreich, England und sogar Russland immer grösserer Beliebtheit. Diese Menschen erzeugten eine Nachfrage nach Produkten, die sie nach Hause nehmen konnten, um sie in den heimischen Vitrinen zu präsentieren.

Das Souvenir stellte demnach nicht lediglich ein Erinnerungsstück dar, sondern auch ein Statussymbol, mit dem man demonstrieren konnte, dass man über die notwendigen finanziellen Mittel für ausgedehnte Reisen verfügte. Darüber hinaus war das Souvenir – und dies ist bis zum heutigen Tage geblieben – ebenfalls ein Werbeobjekt. Wenn ein Gast die Objekte betrachtet, entsteht ein Gespräch, und der jeweilige Ort, aus dem das Souvenir stammt, wird thematisiert, wodurch diesem Ort Werbung zuteilwird.

Hinzu kommt der psychologische Hintergrund des Souvenirs:

  • Erinnerungen verblassen, das Souvenir bleibt und lässt die Erinnerung leben
  • Das Souvenir kann ein Memento sein, also kein gekaufter Gegenstand, sondern eine Muschel vom Strand – dessen Wert bemisst sich nur emotional
  • Welche Art von Souvenir gekauft wird, zeigt ein Stück des Inneren des Käufers oder der Käuferin. Hier mache ich gerne auf mein Buch „Dein Stil – Handwerk und die Suche nach der eigenen Handschrift“ aufmerksam
  • Ein Souvenir kann eine etwas in die Hose gegangene Reise romantisieren

Aus dieser Entwicklung entstand Beispielsweise um 1816 die Brienzer Holz-Schnitzerei. Holzkühe, Spielwaren, Wanduhren, allerlei Figuren und vieles mehr gehörten zu den Verkaufsschlagern. Wer in Brienz zu Besuch ist, sollte unbedingt das Museum für Holzschnitzerei besuchen.

Heissbegehrtes Souvenir im Klassizismus: Appenzeller Handstickerei

Als zweite gefragte Souvenirware kam nach 1800 die Appenzeller Handstickerei auf. 1808, ein Jahr nach der schlimmsten Hungersnot des 19. Jahrhunderts, unterrichteten zwei Französinnen Appenzeller Mädchen in der hohen Kunst der Handstickerei.

Dank der hohen Qualität der Stickereien erhielten die Appenzeller 1851 an der Londoner Weltausstellung den ersten Preis und an der Weltausstellung in Paris im Jahre 1878 eine Goldmedaille.

Trotz Erfindung der Handstickmaschine, des Pantographen, konnte sich die Appenzeller Handstickerei halten und war bei begüterten Damen als Statussymbol heissbegehrt. Nur die vermögenden konnten sich eine solche Stickerei leisten.

Denn ein solches Taschentuch, wie du es auf den Fotos sehen kannst, kostete im Jahre 1920 zwischen 250 und 500 Franken. Aufgerechnet in die heutige Zeit entspricht diese Summe dem Wert eines Kleinautos.

Kleiner Funfact:

Nach dem zweiten Weltkrieg verdienten die stickenden Frauen und Mädchen der Familie mehr Geld als der Mann mit seinem Haupterwerb. Tag und Nacht stickten die Frauen und ruinierten sich die Augen. So kümmerte sich der Mann um den Haushalt und die Kindererziehung, kochte sogar die Mahlzeiten. Dies in einem Kanton, dem der Staat 1993 das Frauenstimmrecht aufzwingen musste.!

Der Klassizismus und seine Papier-Objekte

Nebst den „grossen“ englischen Tischler-Namen Adam, Hepplewhite oder Sheraton gab es auch die deutschen Manufakturen Adt oder Stobwasser, die seit 1739 bzw. 1763 Lackwaren herstellten, die aus dem Grundmaterial Pappmaché bestanden. Für die Fertigung wurde die Pappmaché-Pulpe in Formen gepresst und nach dem Trocknen bis zu fünfmal mit Lack überzogen. Für Dosen und Etuis kam die Kaschiertechnik (Schichttechnik) zum Zuge,. In dieser Technik wurden die mit Leim behandelten Papierstreifen um einen Holzblock geschichtet.

Das Sortiment umfasste nebst Möbel auch Geschirr, Etuis, Dosen, Tabletts, Schnupftabakdosen und ja…sogar Tabakpfeifen! In grosser Handwerkskunst stellten die Manufakturen ihre Güter her. Mit dem fortschreiten der Industrialisierung hatten es jedoch die handgemachten Pappmaché-Produkte immer schwerer. Das Unternehmen Stobwasser verlegte sich deshalb ab 1863, genau nach 100jährigem bestehen, auf die Produktion von Petroleumlampen, während die Manufaktur Adt neu Fliesen und Ziegel herstellte.

Auch ich habe mich mit Pappmaché befasst (tue es immer noch) und erzähle über meine Versuche, zeige Fotos und teile meine Erfahrungen. Hier findest du die beiden Artikel: Teil 1 und Teil 2 .

Hier noch zwei Impressionen aus diesen Artikeln – Objekte aus Papier und Pappmaché

Die Textilien des Klassizismus

Mit Rose Bertin gab es zum ersten Mal das, was wir heute als Modedesignerin bezeichnen. Da sie jedoch oft – oder praktisch nur – für Marie Antoinette gearbeitet hatte, musste sie während der Revolution fliehen.

Um 1750 wurde in der Ostschweiz die Technik der Mousselin-Weberei erfunden. Ein Stoff, der im Empire eine grosse modische Rolle spielte. Man denke an die Frauenkleider in Jane Austen Filmen, bei denen die Kleider gleich unterhalb der Brust zusammengehalten und die Taille quasi ignoriert wurde.. Bei den Farben herrschten Weiss, Hellblau, Hellgelb und Rosa. Die Ostschweiz positionierte sich auch immer mehr als Spezialistin für Weissstickerei.

Überhaupt war Baumwolle das bevorzugte Material, zu anrüchig waren prunkvolle Stoffe wie Brokat und Seide. Angelehnt an die pompejanischen Wandmalereien zierten Muster wie Sterne, Palmetten und Punkte oder Bordüren und Girlanden die Stoffe.

Die Bekleidungskonfektion nahm ihren Anfang. Es war also nun möglich, Kleider von der Stange zu kaufen. Vorbei war die Zeit, in der jedes Stück ein handgemachtes Unikat war. Mit dieser Veränderung gehörten auch Kleiderordnung der Vergangenheit an. Wer das nötige Kleingeld besass, durfte alles tragen.

Bei den Männern wurde mit den feinen englischen Wollstoffen wie dem Tweed oder Flanell der Grundstein für den heutigen Anzug gelegt.

Noch bis zur Revolution ersetzen Schminke und Pudern das sich waschen. Zu den weissen oder grauen Perücken wurden das Gesicht weiss gepudert, die Augenbrauen schwarz betont und auf den Wangen ein intensives Rot aufgetragen. Aufgeklebt wurde der Schönheitsfleck.

Neuheiten im Klassizismus:

Russfreie Kerzen

Die Kerze an sich gab es seit der Antike. Sie bestand aus Talg, da es ein günstiges Material war. Das Abbrennen verursachte jedoch starken Russ und ein lähmender Gestank. Kerzen aus Bienenwachs leuchteten hell und sauber, waren jedoch nur für Königshäuer und Adel erschwinglich.

Mit der Industrialisierung entstand ein neuer Zweig: Die Chemie. So wird 1815 die Kerze aus tierischem Fett erfunden. Da sie aber nicht in Masse produziert werden kann, setzt sich das Verfahren nicht durch. Der Chemiker Eugène Chevreul fand später heraus, dass die Schaf- und Rinderfette verschiedene Fettsäuren mit unterschiedlichen Schmelztemperarturen beinhalten. Die Trennung der Fettsäuren mit Ätzsoda war jedoch schwierig und teuer, also immer noch nichts für die Massenproduktion.

Die Freunde Louis Adolphe de Milly und Adolphe Motard verkochen sich in ihr Chemielabor, mit dem Ziel, die industrielle Herstellung und zugleich die Qualität der Kerze zu verbessern. Und tatsächlich – sie schaffen es, die Fettsäuren mit gelöschtem Kalk zu trennen. Ein Verfahren, das deutlich günstiger und einfacher ist als jenes mit Ätzsoda.

Im Jahre 1831 gründen die beiden ihre kleine Kerzenfabrik. Ab 1834 setzt sich ihre günstige und zugleich tropf- und russfreie Kerze durch. Jetzt konnten auch Arbeiter- und Handwerkerfamilien helles und geruchsfreies Licht geniessen.

Gummireifen

Im Jahre 1839 gelang es Charles Goodyear, festes Gummi herzustellen. Dazu erhitzte er Kautschuk und vermischte ihn mit Schwefel. Das Verfahren der Vulkanisation war erfunden.

Doch die Holz- oder Metallräder einfach mit einem Streifen Gummi zu ummanteln, brachte nicht wirklich einen grossen Fortschritt wenn es darum ging, ruhigere, rüttelfreie Fahrten mit der Kutsche zu geniessen.

Im Jahre 1845 erhielt der Schotte Robert Thomson das erste Patent auf mit Luft gefüllte Gummischläuche, die als Reifen dienten. Aber irgendwie setzte sich diese Erfindung nicht durch. Wohl weil die Qualität noch nicht ausgereift war und die Reifen ständig Schaden nahmen.

Erst John Dunlop, einem Tierarzt, gelang der Durchbruch. Sein Prototyp wies ein Luftventil auf, das aus einem Schnuller und einer Stricknadel bestand. Damit stattete er das Dreirad seines Sohnes aus, in der Hoffnung, dass der in Zukunft weniger geräuschvoll durch die Gegend kurven würde. 1888 bekam er das Patent für den pneumatischen Gummireifen . Der Rest ist Geschichte….

Mein Fazit zum Klassizismus

Wenn ich eine der Stilepochen favorisieren müsste, würde ich mich wohl für den Klassizismus entscheiden. Die Architektur dieser Zeit ist für mich das, was Schönheit ist.

Wenn ich da die heutigen, modernen Gebäude nebenanstelle, mit ihren abweisenden Fassaden und der verstümmelten Optik weil oft kein Vordach, dann kann ich nicht begreifen, warum nicht öfters der klassizistische Baustil angewendet wird. Die heutigen Bauten lasse mich erschauern. Wann haben wir aufgehört, auf Schönheit zu achten?

Die Fortschritte auch im Humanismus und überhaupt gesellschaftlich sind ebenfalls zu erwähnen. Natürlich darf man nicht einfach die rosarote Brille tragen und alles romantisieren. Aber die industrielle Revolution war noch in den Kinderschuhen. Handwerker und Kreativschaffende hatten somit noch ihr Auskommen, ihre Arbeit wurde noch geschätzt. Noch war NICHT die langweilige Fabrik-Serienproduktion alltäglich, die den Geist verkümmern liess. Noch zählte das Konw-How jedes einzelnen. Und das ist etwas, was ich mir mit jeder Faser meines Körpers zurückwünsche:

Weg mit der Globalisierung! Produkte in der Region verkaufen und verwenden, wo sie auch hergestellt werden. Keine billige Massenproduktion aus Billiglohnländern mehr, sondern Wertschätzung gegenüber den einzelnen Produkt. Individualität und Authentizität statt ein ständiger Einheitsbrei. Genau deswegen empfehle ich dir mein Buch „Dein Stil – Handwerk und die Suche nach der eigenen Handschrift“

Quellen:

  • PM History, Ausgaben März 2026 und April 2026
  • Coopzeitung Nr. 23, 2026
  • Broschüre „Appenzeller Handstickerei“ des Hotel Hof Weissbad 2011
  • wikipedia.org

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Tausendsassa, Vielinteressierte und Autodidaktin.

Als Selbständige biete ich meine Arbeitsleistung im kreativen Handwerk. Sei es in praktischer Arbeit, oder Bereich Bildung/Ausbildung. Meine genauen Dienstleistungen findest du hier.

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Cover des Buches "Dein Stil" von Sandra Möslí, mit dem Untertitel "Handwerk und die Suche nach der eigenen Handschrift", umgeben von verschiedenen Werkzeugen.
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