Es gehört mit zu meinen Kindheitserinnerungen: Tagesausflüge während der Schulferien in die einzige, verbliebene Glashütte der Schweiz. Mein Taschengeld gab ich aus, um mir Stücke der Glasi Hergiswil zu sichern. Einige davon stehen bis heute in meinem Haushalt und finden noch immer rege Verwendung.

Ich war fast 20 Jahre lang nicht mehr da. So habe ich mich richtig gefreut, einen besonderen Tag in der Glasi erleben zu dürfen. Und nicht einfach „nur“ als normale Besucherin, sondern als jemand, der hinter die Kulissen schauen durfte.

Hier teile ich mein Erlebnis. Lerne die Welt der Glasmacher der direkt am Vierwaldstättersee gelegenen Glasi Hergiswil kennen,. Dort leben sie ihr handwerkliches Können zusammen mit Schmelzer, Schleifer und Formenbauer täglich aus.

Zum Inhalt:

Glasmacher in der Glasi: Mit Pfeife und Form entsteht ein Objekt

Im Jahre 2023 wurde die manuelle Glasfertigung von der UNESCO zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit erklärt. Im Beruf des Glasmachers und der Glasmacherin ist grosses, altes Wissen sowie handwerkliche Kunst und Fähigkeit vereint. Dieses wertvolle Erbe gilt es zu bewahren.

Wie komplex die Arbeit mit Glas in flüssigem Zustand ist, wir auf den ersten Blick nicht unbedingt erkennbar. Schaut man den Glasmachern in der Glashütte zu, scheint alles einfach von der Hand zu gehen. Vergessen wird, dass diese einen Jahre dauernden Lernprozess hinter sich haben, um in dieser scheinbaren Leichtigkeit arbeiten zu können.

Am Beginn des Herstellungsprozesses eines Objekts muss das flüssige Glas auf die Pfeife oder in die Schöpfkelle aufgenommen werden. Der Glasmacher befindet sich dabei in unmittelbare Nähe des Schmelzofens, was eine Herausforderung darstellt. Denn die Temperaturen, die im Inneren des Ofens zwischen 1180 und 1400 Grad Celsius liegen, strahlen auf den Glasmacher ab, während er das flüssige Glas entnimmt.

Diese Hitze ertragen zu können, ist nicht nur eine körperliche Anstrengung, sondern auch grundlegend, um in der Glashütte tätig zu sein.

Ein Glasbläser arbeitet in einer Glashütte, während er flüssiges Glas dem Ofen entnimmt und formt. Im Hintergrund ist der Schmelzofen sichtbar.

Wie entsteht ein Objekt in der Glashütte?

Was auf den folgenden Fotos relativ simpel aussieht, ist in Wirklichkeit eine hohe Handwerkskunst, die nicht nur viel Geschick, sondern noch viel mehr Übung benötigt. Hinzu kommen das Gefühl für die richtige Menge und der richtigen Temperatur.

Hat der Glasmacher mit der Pfeife, einem Werkzeug, das vor etwa 2000 Jahren erfunden und bis jetzt unverändert ist, dem Ofen das flüssige Glas entnommen, muss er es durch Drehen gleichmässig verteilen.

Mit dem Blasen durch die Pfeife erreicht er danach die erste Kugelform. Auf diese Kugel (in der Fachsprache Kölbel genannt) kann er weiteres Glas aus dem Ofen aufnehmen, um die richtige Menge für das entstehende Objekt bereit zu haben. Das geschieht rein aus seinem Gefühl, denn da steht nirgends eine Waage, auf der er einfach mal die richtige Menge abwiegen könnte.

Ist die richtige Menge gleichmässig auf der Pfeife verteilt (Bild 1), kann der Glasmacher durch Schwenken der Pfeife die Form das Glases bereits nach dem entstehenden Objekt, in diesem Fall eine Dekantierflasche, beeinflussen (Bild 2). Das klingt wohl einfach, unterliegt jedoch sehr viel Übung und Routine. Würden du oder ich die Pfeife schwenken…nun, das wäre wohl wie der Elefant im Porzellanladen – das Glas wäre bestimmt überall, nur nicht dort, wo es sein sollte…

Jetzt kommt die so vorgeformte Glasmasse (Bild 3), in die gusseiserne Form, die mittels einem Fusspedal geöffnet und geschlossen werden kann. (Bild 4).

Ist die Form geschlossen, wird in die Pfeife geblasen, bis das Glas richtig verteilt ist. (Bild 5). Dieser Schritt ist sehr anspruchsvoll. Viel Gefühl und Erfahrung sind nötig, da ja nicht in die Form hineingeschaut werden kann.

Zudem beginnt sich nach ein paar Sekunden die Temperatur des Glases zu verändern (Bild 6). Ist es zu kühl, lässt es sich nicht mehr blasen. Wiederum etwas, das der Glasmacher intuitiv im Gefühl hat: Anhand der Farbe der Glasmasse und seinem zeitlichen Empfinden ist er in der Lage zu bestimmen, wie lange dieser Prozess dauert.

Dann öffnet er die Form und entlässt das Werkstück in die Freiheit (Bilder 7 und 8).

Jetzt wird der Boden der Dekantierflasche nochmals erhitzt. So können unter ständigem Drehen Unebenheiten ausgeglichen werden. In der Fachsprache wird dieser Vorgang Feuerpolieren genannt (Bild 9).

Danach wird die Flasche von der Pfeife genommen. Dazu ritzt der Glasmacher das obere Ende des Flaschenhalses mit dem Glasschneider ein und kann dann durch sanftes Brechen das überschüssige Glas entfernen. (Bilder 10 und 11)

Währenddessen wird die gusseiserne Form mit kaltem Wasser gespült, damit sie bereit für den nächsten Ausblasvorgang ist:

Wasser spritzt aus einem Rohr auf eine Gusseisenform in einer Glashütte, mit verschiedenen Rohren und Maschinen im Hintergrund.

Der Finish am Objekt – das Auftreiben in der Glashütte

Das Objekt ist jetzt als Dekantierflasche erkennbar, doch fertig ist die Arbeit noch nicht. Denn der Rand der Flaschenöffnung muss noch fertig ausgestaltet werden. Diesen Arbeitsgang, das Auftreiben, übernimmt ein weiterer Glasmacher.

Zuerst muss die Flasche an ihrem Boden auf einem Butzen eingehängt werden, damit die weitere Verarbeitung beginnen kann.

Der Flaschenhals wird in der Trommel nochmals erhitzt. Mit der Zange kann der Glasmacher danach das Glas unter ständigem Drehen nach aussen treiben.

Ist die erste Formgebung gemacht, kommt ein Spezial-Werkzeug zum Zuge, um die definitive Ausformung zu erreichen.

Mit erneutem Erhitzen werden die letzten Formdetails ausgeglichen und gleich anschliessend mit Luft abgekühlt.

Die fertig bearbeitete Dekantierflasche darf jetzt in den Kühlofen. Dort wird das Glas zuerst auf etwa 530 Grad erhitzt und danach langsam auf Zimmertemperatur (40 Grad) abgekühlt. Dadurch lösen sich die Spannungen innerhalb des Glases auf, ein Zerspringen wird verhindert.

Ein eleganter, gläserner Dekanter mit einem facettierten Deckel, steht auf einem Holztisch, im Hintergrund eine Weinflasche. Glasi Hergiswil
Von der Schmelze zum fertigen Objekt: Nach einer Dauer von etwa 18 bis 24 Stunden ist die Dekantierflasche, bereit für den Verkauf.

Der Rohstoff für die Glasi: Natürlich Glas!

Das flüssige Glas, das die Glasmacher vorzu dem Schmelzofen entnehmen, kommt natürlich nicht von alleine da hinein. Der Rohstoff muss vorgängig aus verschiedenen Zutaten gemischt und dann dem Ofen zugeführt werden.

Drei große Container mit mineralischen Substanzen, beschriftet mit 'Na-Sulfat', 'Bariumcarbonat' und 'Kalium-Nitrat'. Rohstoffe für die Glasi Hergiswil.

Glas machen: Welche Rohstoffe braucht man dafür?

Die Zutaten müssen nach Rezept im passenden Verhältnis zueinander gemischt werden, damit das Gemenge entsteht, das geschmolzen werden kann.

In dieser Mischung berücksichtigt wird auch die Entfärbung: Das heisst: Zusatzstoffe verhindern die Aufnahme von Eisenoxiden aus den Gusseisenformen, dem Ofen oder von Werkzeugen, die dem Glas einen Grünstich verleihen könnten.

So ergeben folgende mineralische Komponenten die spätere Glasmasse:

  • Sand: Ist der wichtigste Glasrohstoff und hat den grössten Anteil in der Mischung.
  • Soda (Natriumcarbonat): Dient als Flussmittel. Es bewirkt, dass das Gemenge bei wesentlich tieferen Temperaturen geschmolzen werden kann, als nur reiner Sand. Zudem wird die Schmelzdauer verkürzt.
  • Dolomit (Calcium-Magnesiumcarbonat): Damit wird die Beständigkeit für Temperaturwechsel erhöht und die Läuterungszeit verkürzt (Homogenisierung beim Schmelzprozess)
  • Kalk (Calciumcarbonat): Durch diese Zugabe wird die chemische Beständigkeit von Glas erreicht. Dieser Glasstabilisator erhöht auch die Zug- und Biegefestigkeit
  • Borax (Natriumtetraborat): Diese Zutat bringt viele Eigenschaften: Sie wirkt schmelzbeschleunigend, sie verbessert die Verarbeitungseigenschaften, sie erhöht die Zerreiss- und Schlagfestigkeit, sie reduziert die Gefahr von Oberflächenrissen und sie erhöht die Lichtbrechung.
  • Pottasche (Kaliumcarbonat): Sie ist die „Butter“ im Glas. Wird später aus der Masse Pressglas hergestellt, hat dieses durch die Zugabe von Pottasche eine glatte Oberfläche ohne Mikrorisse. Dieser Zusatz hilft auch beim Entfärben des Glases.
  • Tonerde (Aluminiumhydroxid): Erhöht die Schlag- Zerreiss- und Zugfestigkeit, erhöht die Temperaturwechselbeständigkeit und die chemische Beständigkeit und senkt die Kristallisationsneigung.
  • Natriumsulfat: Ein Läuterungsrohstoff zum Homogenisieren. Die Glasmasse soll möglichst homogen, also ohne eingeschlossene Luft sein. Das Natriumsulfat hilft, Blasen an die Oberfläche zu treiben, wo sie sich auflösen.
  • Lithium: Dank diesem teuren Rohstoff wird die Oberflächenhärte erhöht, sowie die Beständigkeit gegenüber Säuren und Laugen. Er verkürzt zudem die Läuterungszeit und die Einschmelzdauer.
  • Barium: Verleiht der Masse schmelz- und verarbeitungstechnische Vorteile und macht das Glas geschmeidig. Das Glas wird heller und lässt sich leichter entfärben. Es verlängert auch die Verarbeitungszeit.
  • Kaliumnitrat: In Verbindung mit Natriumsulfat unterstütz dieses Zutat die Läuterung.
  • Scherben: Glas-Abfälle aus der Glashütte werden zerkleinert und mengengerecht unter die Mischung gegeben.

In der Glasi Hergiswil stammen diese Zutaten aus Europa, nur zwei der Mineralien, die in kleineren Mengen mit dabei sind, kommen aus Übersee.

Der Verbrauch an Sand, der etwa einen 60%-Anteil im gesamten Gemisch ausmacht, macht für die Glasi jährlich ca. 80 bis 90 Tonnen aus, während Dolomit, mit etwa 8% Anteil, eine Jahresverbrauch von ca. 16 Tonnen aufweist. Zusammen mit Soda (ca. 15%) und Kalk (ca. 6%) bilden die vier Zutaten die Hauptbestandteile.

Bei solchen Mengen werden die Zutaten in grösseren Schüsseln gemischt als du zu Hause beim Kuchen backen verwendest.

Die einzelnen Mineralien werden vorzu in den grünen Behälter gefüllt, aus diesem gehen die Zutaten weiter in den gelben Behälter, in dem ein Rührwerk für ständiges Mischen sorgt. Entsprechend der Gesamtmenge wird hier auch etwas Wasser zugefügt.

Eine Hand hält eine Portion weißen Staub oder Pulver über einem blauen Behälter, in dem ebenfalls feines Pulver zu sehen ist. Der Rohstoff für Glas in der Glasi Hergiswil.

Die fertige Mischung erscheint unscheinbar, doch ähnlich wie eine Raupe, die ihre Verwandlung zum Schmetterling noch nicht vollzogen hat, wird auch dieses Gemenge eine Art Metamorphose durchlaufen.

Um diesen Verwandlungsprozess einzuleiten, muss der Rohstoff dem Ofen zugeführt werden. Ein kleiner Kran zieht die Tonne mit dem darin enthaltenen Gemenge hinauf zum Dockhaus und wird entleert.

Von dort aus wird es in kleinen Portionen in den Schmelzbereich transportiert, wo sich die Mischung innerhalb von zwei bis drei Tagen in eine zähflüssige, leuchtend orangefarbene Masse verwandelt. Diese mehrtägige Schmelzdauer ist von grosser Wichtigkeit, da die Masse während dieses Zeitraums homogenisiert werden muss, um vollständig blasenfrei zu sein.

Dann ist die Glasmasse bereit und sie fliesst über die Verteilerwannen in die Arbeitswannen, wo sie der Glasmacher mit der Pfeife oder der Schöpfkelle entnimmt.

Ein Blick auf die Innenseite eines Schmelzofens mit glühendem Material, wobei Rohre und mechanische Komponenten sichtbar sind.

In einer Schicht von 8 Stunden werden bis zu einer Tonne des Gemenges geschmolzen. Dabei ist der Ofen 24 Stunden am Tag in vollem Betrieb. Ihn erkalten zu lassen und danach wieder aufzuheizen, dies würde nicht nur zu viel Zeit kosten, auch der sowieso schon grosse Energieverbrauch wäre noch höher.

Deswegen ist nachts ein Schmelzer vor Ort, der sicherstellt, dass alles ist, wie es sein soll und am nächsten Tag, bei Schichtbeginn, direkt mit der Arbeit gestartet werden kann.

Zutat für das Ausblasen und Giessen in der Glasi: Die Form

Nicht alle Produkte und Objekte werden frei, also ohne Form, geblasen. Besonders jene Stücke, die in grösserer Zahl hergestellt werden, erhalten eine Form, die ausgeblasen wird. Diese Vorgehensweise konntest du weiter oben bereits kennenlernen.

Drei Formen mit Griffen und runden Platten fürs Glas giessen auf einem Werkbank. Im Hintergrund sind andere Werkzeuge sichtbar.

Der Formenbau ist in der Glasi in einer eigenen Werkstatt beherbergt. Dort steht nicht „nur“ die Drehbank, an der der zylinderförmige Rohling aus Gusseisen entsprechend zugeschnitten und ausgedreht wird. In dieser Werkstatt steht auch ein Computer, an dem mittels CAD-Programm die Objekte in 3D geplant werden.

Ist dieser Schritt erledigt, kommt der 3D-Drucker zum Zuge, mit dem das Objekt zum ersten Mal physisch hergestellt wird. Natürlich nicht aus Glas. Auch mit Kunststoff lässt sich die Form des Objektes begutachten.

Stimmt alles, dient dieses Kunststoff-Objekt dem Formenbauer als Vorlage. Aus dem Gusseisen wird solange ausgedreht und angepasst, bis das Objekt exakt hineinpasst. Je nach dem müssen auch Scharniere angebracht werden und natürlich Haltegriffe, die eine gute Handhabung während das Glasmachens ermöglichen.

Ist die Form einsatzbereit, kann trotzdem noch nicht mit ihr produziert werden. Zuerst finden Testläufe mit Glas statt: Getestet wird mit heisserem Glas und mit kühlerem Glas, immer und immer wieder, bis die ideale Temperatur für die bestmögliche Qualität des Objektes und die ideale Vorgehensweise in der Glashütte gefunden ist.

Dann kann die Produktion beginnen. Wobei nicht unbedingt in der Form ausgeblasen wird. Manche Objekte werden auch gegossen. Zum Beispiel die Sonnenblume:

Das flüssige Glas wird mit der Schöpfkelle in die Form gegossen. Danach bleibt es eine Weile darin, bis die Temperatur so weit zurückgegangen ist, um es der Form entnehmen zu können. Der Glasmacher erkennt das an der Farbe. Je weniger orange, umso kühler ist es.

Mit einer Art Saugnapf wird das Objekt der Form entnommen und darf dann in den Kühlofen, um zu entspannen.

Auch das Gewürzschiffli wird gegossen. Im Unterschied zur Sonnenblume erhält die Form nach dem Eingiessen des Glases einen „Deckel“. Denn das Schiffli muss ja später gefüllt werden können, also innen hohl sein. Der Deckel beeinflusst diese innere Form, da er die Glasmasse verdrängt.

Ein elegantes, transparentes Gefäß mit schwarzem Pfeffer und einem Löffel, umgeben von Gemüse, einschließlich Zwiebeln und Brokkoli. Glasi Hergiswil

Giessformen aus Birnbaumholz:

Eine detaillierte Ansicht einer Glasgiessform aus Birnbaumholz, mit zwei auseinandergeklappten Holzteilen mit sichtbaren Bohrlöchern und einer verkohlten Innenfläche.

Eine Form zum Ausblasen muss nicht zwingend aus Gusseisen bestehen. In der Glasi findet sich auch ein Lager an Formen aus Birnbaumholz. Die Herstellung geschieht etwa gleich wie jene aus Gusseisen. Sie wird auf der Drehbank gedrechselt, wofür das Birnbaumholz wegen seiner Eigenschaften sehr geeignet ist.

Damit das noch neue Holz für die Hitze der heissen Glasmasse vorbereitet werden kann, wird es gewässert. Dafür liegt die Form einige Zeit im Wasserbad. Danach kann zum ersten Mal eingeblasen werden. Durch die durchschnittlich 1200 bis 1300 Grad werden die Innenwände der Form verkohlt. Diese Kohleschicht bewirkt eine Versiegelung, die das Innere des Holzes hitzeresistenter macht und so für weitere Ausblas-Durchgänge vorbereitet.

So läuft denn auch die weitere Nutzung dieser Holzform nach dem ständig wechselnden Ablauf ab. Ins Wasser tauchen, einblasen, ins Wasser tauchen, einblasen….

Selbst wenn die Formen nicht im Gebrauch sind, werden sie im Wasser gelagert. Der Algenwuchs ist hierbei ein kleines Ärgernis. Das Becken und die Formen müssen regelmässig gereinigt werden.

Blick auf einen Wassertank mit grünem Bewuchs und Glasgiessformen aus Birnbaumholz, die aus dem Wasser ragen.

Der Finish in der Glasi – Schleifen und Polieren

Verlässt ein Stück den Kühlofen, ist es oftmals noch nicht fertig. Es wartet die Nachbearbeitung: Feuerpolieren, Sprengen, Sandstrahlen oder Gravieren…dies sind alles Arbeitsschritte, die je nach dem auf ein Objekt warten.

Vor allem bei Flaschen müssen die Öffnungen nachbearbeitet werden. Hat der Glasmacher den Boden feuerpoliert….

…und die Flasche von der Pfeife entfernt, bleibt eine Kugel am Flaschenhals übrig, die da eigentlich nicht hingehört.

In der Schleiferei wird diese Kugel mit dem Diamantschneider abgeschnitten. Diese Schnittkante ist rauh und leicht uneben. Daher muss eine Randbearbeitung stattfinden.

Am Schleifband wird die Öffnung zuerst mit grober Körnung geschliffen, dann kommt eine etwas feinere Körnung zum Zuge. Nach diesen Arbeitsschritten ist das Glas stumpf. Um es wieder glänzend und durchsichtig zu machen, wird im letzten Schritt der Rand am Schleifband aus Kork bearbeitet.

Auch hier versteckt sich eine anspruchsvolle Tätigkeit. Denn ein falscher Schliff kann das ganze Objekt ruinieren. Das Glas im korrekten Winkel auf dem Schleifband aufzusetzen und während dem Schleifvorgang richtig zu drehen, das will geübt sein. Dabei muss bei jedem Stück anders vorgegangen werden. Die richtige Schleiftechnik für das eine Stück ist die Falsche für das andere.

Ist das geschafft, wird gespült und ins Wasser getaucht. Ein weiteres Objekt ist bereit für den Verkauf.

Erlebnis Glasi Hergiswil – und ein Blick in Geschichte und Zukunft

Wie die Technik zur Herstellung von Glas erfunden wurde, wird wohl ein Mysterium bleiben – vielleicht geschah dies zufällig. Klar ist: Bereits um 1500 vor Christus existierten im alten Ägypten Perlen sowie Trinkgefässe aus Glas. Im antiken Rom fanden Fensterscheiben aus Glas Anwendung. Nach dem Untergang des römischen Reiches betrieben die Germanen die Glasherstellung weiter.

Auch Syrien verstand sich auf die Glaskunst. Vermutlich von dort gelangte das Wissen nach Venedig, wo das Murano-Glas bald weltweite Bekanntheit erlangen sollte. Denn dort fand man heraus, wie das Glas entfärbt werden kann und so konnte erstmals durchsichtiges, klares Glas hergestellt werden. Für die Verbreitung dieses Wissens konnte einem Glasbläser die Todesstrafe drohen. Trotzdem, das Geheimnis sickerte durch.

In Böhmen und Deutschland erblühte die Glasbläser-Industrie. Und im Jahr 1723 gründete die Familie Siegwart im schweizerischen Entlebuch in Flühli die Glashütte Siegwart, der Vorfahre der Glasi Hergiswil. Weil dort aber knapp 100 Jahre später die Waldbestände arg dezimiert waren (die Öfen wurden damals mit Holz beheizt), war die Familie gezwungen, mit ihrer Glashütte den Standort zu wechseln. 1817 siedelten sie in Hergiswil an. Bis zu 500 Personen waren damals im Unternehmen beschäftigt.

Das Sortiment umfasste Gläser aller Art, Krüge, Flaschen und später auch Teller und Schüsseln. In den 1960er Jahren war das Ausland längst von der Handwerkskunst zu maschineller Fertigung übergegangen. Siegwart-Glas war nicht mehr marktfähig, sprich zu teuer.

In der Flühli-Glas Ausstellung der Glasi kann die Art der damaligen Produkte bewundert werden, handelt es sich doch auch um begehrte Sammlerobjekte.

Ein Glasregal mit verschiedenen Flaschen und Glasbehältern von Siegwart, dem bekannten Flühli-Glas, daneben eine natürliche Felswand. Glasi Hergiswil
Regal mit einer Auswahl an verschiedenen Glasflaschen und einem Becher auf einem gestreiften Hintergrund. Flühli Glas in der Glasi Hergiswil

1975 stand das Unternehmen mit 200 Mitarbeitenden vor der Schliessung. Roberto Niederer leitete den Wendepunkt ein. In einem riesigen Kraftakt, zusammen mit dem Entgegenkommen der Gemeinde Hergiswil und grossem Engagement der Mitarbeitenden, richtete sich das Augenmerk der nun „Hergiswiler Glas AG“ heissenden Glashütte klar auf die Handwerkskunst. Automaten für industrielle Fertigung flogen raus. Bis heute hat sich die Glasi die Tradition bewahrt und stellt Glaswaren in rein handwerklicher Machart her.

Mit seinen Designs gab Roberto Niederer den Produkten der Glasi ein neues und modernes Gesicht. Seine Objekte und weitere aus der Flühli-Ära, können im Glas-Archiv besichtigt werden und bilden eine fast unerschöpfliche Quelle für Glasliebhaber:

Ein moderner Ausstellungsraum mit Glasvitrinen, die eine Vielzahl von Laborgeräten und Glaswaren präsentieren. Der Raum ist hell und offen, mit Sicht auf den Himmel durch Dachfenster.

Mit einem Augenzwinkern gibt’s da sogar eine Idee für einen Adventskalender für Erwachsene:

Ein Kalender mit Weihnachtsideen von Glasi Hergiswil aus dem Jahr 1983, zeigt verschiedene Glasartikel und Geschenke mit nummerierten Kästchen.

Und wer Lust hat, der lässt sich im Museum in einem etwa zwanzig minütigen, sehr kurzweiligen Rundgang in einer Art Erlebnis-Theater die ganze Geschichte der Glashütte erzählen. Dort erfährt man auch, was es mit diesem auf einem Stahlgerüst stehenden Laster auf sich hat:

Ein alter Lkw steht auf einer Plattform zwischen zwei Gebäuden.

Das gesamte Erlebnis Angebot der Glasi Hergiswil, garantiert für Jung und Alt, kannst du hier nachlesen:

Tägliche Herausforderungen in der Glasi Hergiswil

Es mag für die einen romantisch anmuten, einen Betrieb zu sehen, der noch nach jahrtausendealter Glaskunst-Tradition Waren produziert. Doch die täglichen Herausforderungen sind gross. Die grösste dieser Herausforderungen ist wohl der Schmelzofen:

Zwei Glasmacher in einer Glashütte, die mit Glasbearbeitung beschäftigt sind. Der eine Mann hält ein glühendes Glasstück an der Pfeife, während der andere bei der Arbeit beobachtet. Im Hintergrund sind Maschinen und Rohre sichtbar.

Im Jahre 2020 wurde der bestehende Ofen gebaut, die Kosten dafür betrugen 2 bis 3 Millionen Franken. Ein enormer Betrag, der da wieder amortisiert werden muss. Daher wäre es am Schönsten, wenn die Lebensdauer eines solchen Ungetüms unbegrenzt sein könnte.

Je älter ein Ofen wird, umso kleiner wird die Staumauer (Wall) in seinem Inneren. Weil der Durchlass dadurch grösser wird, gelangt die Schmelze schneller in die Verteiler- und Arbeitswannen. Damit steigt die Gefahr, dass das Glas nicht homogen und somit blasenfrei ist.

Eine weitere Herausforderung sind die Energiekosten: Dank dem Rekuperator kann eine Wärmerückgewinnung von etwa 30 Prozent stattfinden. Diese Abwärme wird in den Schmelzbereich zurückgeführt. Trotzdem sind die Kosten gross. Der mit Butangas und mit Elektrik geheizte Ofen läuft 24 Stunden am Tag auf Hochtouren. Wurden früher mehrere Schichten geschoben, ist es heute eine Schicht à 8 Stunden.

Die Zukunft der Glasi hängt also auch davon ab, das die Auslastung erhöht werden kann. Hier schwebt der Glasi verschiedenes vor. So könnte eine Ausweitung der Art der Produkte eine Möglichkeit sein. Sind es jetzt wunderbare Objekte für eine schöne Tischkultur oder den Haushalt, könnte ein weiteres Standbein zum Beispiel in der Architektur zu finden sein.

Beruf Glasmacher / Glasmacherin – der Unterschied zum Glasbläser / Glasbläserin

Ein Glasmacher hält eine heiße, glühende Glaskugel in einer Form aus Birnbaumholz, während im Hintergrund weitere Handwerker arbeiten.

Auch grundsätzliche Handgriffe, wie auf den oberen Bildern zu sehen, lassen sich nicht einfach mal so in einem Kurs erlernen. Es erfordert Jahre, bis soviel Routine vorhanden ist, dass in der Glashütte qualitativ hochstehende Glaswaren hergestellt werden können.

Schulbildung ist hierbei nebensächlich. Was zählt, ist das handwerkliche Geschick, Ausdauer, die Fähigkeit Hitze aushalten zu können und – und das ist wohl das Wichtigste – die Leidenschaft für Glas.

Was ist der Unterschied vom GlasmacherIn zum GlasbläserIn?

Die Art der Glasbearbeitung, die du in diesem Artikel kennengelernt hast, ist der Beruf des Glasmachers. Es werden grössere Mengen in der Glashütte produziert, die in gleicher Optik und Qualität verkauft werden.

Beim Glasbläser oder der Glasbläserin ist das Arbeitsumfeld kleiner, vielfach ist es im eigenen Betrieb. Sie arbeiten mit Glasstäben und -röhren als Grundmaterial, das am Brenner geschmolzen wird. Mit Blasen, Ziehen und Ausformen per Hand stellen sie eher Einzelstücke her, die oft auch als Kunstobjekte denn als Gebrauchsware gedacht sind.

In der Schweiz kannst du keine entsprechende Ausbildung absolvieren. Bei Niesenglass hast du das Angebot, einen Tageskurs im Glasblasen zu belegen, bei dem in die Technik hineingeschnuppert werden kann. Die Möglichkeit einer Ausbildung gibt es in der Glasfachschule Zwiesel in Deutschland.

Wenn du jung bist, damit meine ich unter dreissig, und du für Glas und das Glas machen brennst, dann besteht eine Chance, dass du in der Glashütte der Glasi Hergiswil einen Platz finden kannst. Du wirst keine klassische Lehre in diesem Sinne absolvieren, aber du wirst über Jahre die Praxis erlernen.

Mein Fazit zum Glas machen

Ich kann einfach nur Danke sagen. Ein riesiges Dankeschön an die Glasmacher, Schmelzer, Schleifer und Formenbauer, die mich so nah über ihre Schulter schauen liessen, geduldig meine Fragen beantworteten und mir einen unvergesslichen, wahnsinnig spannenden Tag bescherten. Meine schon vorher grosse Achtung für diese Handwerkskunst ist noch weiter gestiegen.

Gestiegen ist aber auch meine Achtung für das Unternehmen Glasi Hergiswil an sich. Es ist nicht einfach, ein solches Kulturgut am Leben zu halten. Wie schön wäre es, wenn sich der Staat darauf besinnen könnte, etwas solches zu fördern.

Ich kann nur empfehlen: besuche die Glasi, schaue dich um und sichere dir eines der schönen Glasobjekte, von dem du nach deinem Rundgang weisst, wer es hergestellt hat. Der Kontakt:

Hergiswiler Glas AG
Seestrasse 12
6052 Hergiswil am See
Tel. +41 41 632 32 32
http://www.glasi.ch


Entdecke mehr von Handwerk und Wohnen

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Schreibe einen Kommentar

Ich bin Sandra

Tausendsassa, Vielinteressierte und Autodidaktin.

Als Selbständige biete ich meine Arbeitsleistung im kreativen Handwerk. Sei es in praktischer Arbeit, oder Bereich Bildung/Ausbildung. Meine genauen Dienstleistungen findest du hier.

Meine Bücher sind im Handel erhältlich:

Cover des Buches "Dein Stil" von Sandra Möslí, mit dem Untertitel "Handwerk und die Suche nach der eigenen Handschrift", umgeben von verschiedenen Werkzeugen.
Cover of the book 'Vom Entwurf zur Realität' by Sandra Mösl, featuring a vibrant green background with various craft-related icons and text about successful projects in creative craftsmanship.

Du findest hier Artikel zu folgenden Themen:


Mit deinem Trinkgeld kannst du mir eine kleine Anerkennung zukommen lassen. Vielen Dank!


Entdecke mehr von Handwerk und Wohnen

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen