Waren sie tatsächlich so naiv, dass die Reichsten in diesem Zeitalter des Barock und Rokoko (etwa von 1620 bis 1715) in der Annahme waren, sie könnten ewig so weitermachen? Oder war es schlicht und einfach Dummheit?
Waren sie wirklich so blind für die weniger begüterten, oder sich in ihrer Arroganz so sicher über ihre eigene, vermeintlich unerschütterliche Position?
Wenn sie etwas aufmerksamer gewesen wären, hätten sie den Schuss vor den Bug erkennen müssen. Denn durch die 95 Thesen des Martin Luther und die damit verbundene Reformation hatte die Kirche einiges ihrer früheren Macht eingebüsst. Ein Ereignis, dass die Reichen hätte aufrütteln müssen. Wenn die Kirche an Macht verlor, konnte dies auch mit einem Königshaus geschehen.
Doch auch die Kirche war nicht einsichtig, wurde doch versucht, die verlorene «Kontrolle» wieder zurück zu gewinnen. Die katholische Kirche und der Staat wollten die Menschen in «ihr» Ordnungssystem zurück zwingen und unternahmen alle Anstrengungen, um die Ausbreitung des Protestantismus zu unterbinden. So kam es immer wieder zu Religionskriegen, die schliesslich in den 30jährigen Krieg (1618 bis 1648) mündeten. Dies liess die Menschen hungern und Seuchen breiteten sich aus.
Während Deutschland in Kleinstaaten zerfiel, konnte Frankreich seine Macht – und das Leben in der Blase – ausbauen und trat in die absolutistische Monarchie unter König Ludwig XIV. Mit ihm als Sonnenkönig nahm der Protz und die Verschwendung riesige Ausmasse an.
Das kannst du hier lesen:
- Barock und Rokoko in der Architektur
- Möbeltrends des Barock und Rokoko
- Barock und Rokoko – die Zeit des Merkantilismus
- Trendsetter des Barocks – Ludwig der XIV
- Die Reichen im Rokoko – Leben in einer Blase
Barock und Rokoko in der Architektur
Passend zu dieser Blase ist das Wort „Barocco„, der portugiesische Ausdruck für eine unregelmässige und schiefe Perle. Sie gilt als Bezeichnung für eine Epoche als Gesamtkunstwerk.
Kurven, verdrehte Säulen, illusionistische Malereien und raffinierte Beleuchtung vermischten sich zu einem Ganzen. Architekten wie Lorenzo Bernini und Francesco Borromini gelten als Begründer das Barocken Baustiles. Üppige, prachtvolle Gestaltungen wie Berninis Peterplatz für Papst Alexander VII prägten jetzt das Bild.


Ludwig XIV liess das kleine Jagdschloss Versailles vergrössern und verlegte nach Abschluss der Arbeiten seinen Hauptsitz dorthin. Sein Ausspruch «Der Staat bin ich!» wird wohl in jeder Schule im Geschichtsunterricht gelehrt. Unter seiner Herrscherzeit und mit dem Vorbild von Versailles erlangte es zu enormer Wichtigkeit, zu repräsentieren. Nur das Beste war gut genug, je üppiger, luxuriöser und somit teurer, desto besser.
Diese Merkmale werden den barocken Bauten zugewiesen:
- Säulen waren gewunden
- Hauseingänge als beeindruckende Portale gestaltet
- auf kleinen Türmchen sass die Zwiebelhaube
- unter dem Mansardendach zeigten sich Pilaster Pfeiler und Balustraden
- eine starke Symmetrie verziert mit Engelsputten und griechisch aussehenden Figuren bestimmte die Fassaden
- Grosse Garten- und Parkanlagen, ebenfalls symmetrisch gestaltet, rundeten das Bild ab.


Wie im Aussen, so sah es auch im Inneren aus. Audienzsäle, Festsäle, Galerien und Treppenhäuser wurden nur mit den edelsten Materialien ausgestattet:
- Mit Marmor
- Mit hochwertigstem Parkett
- Mit Wandteppichen oder Wandbespannungen aus Seide, Brokat oder Samt
- Mit holzgetäfelten Wänden mit Profilierungen
- Mit Spiegeln – man wollte die Räume zusätzlich optisch erweitern.
Auch die Möbel zierten gedrechselte Fussformen, Rankenwerkschnitzerei und Intarsien. Überhaupt erlebte das Kunsthandwerk einen grossen Aufschwung. Dies auch wegen politischer Schachzüge (siehe weiter unten).
Neu entwickelt und oft verwendet für die überladene Innenarchitektur wurden auch die Stuckarbeit, das Stuckmarmor und die Marmor-Imitation. In der Malerei blühte die Illusionsmalerei zur Vortäuschung nicht vorhandener, räumlicher Tiefe. Parallel dazu wurde die Tapete immer gebräuchlicher.
Möbeltrends des Barock und Rokoko
Der Rokoko ist keine eigentliche Epoche. Sie ist dem Barock untergeordnet, beginnt jedoch erst ab ca. 1710 bis 1770. Das Régence und Rokoko beziehen sich mehrheitlich auf die Innenarchitektur, dessen Dekoration und den Möbelbau.
Für das Rokoko steht vor allem die Rocaille, ein asymmetrisches, muschelförmiges Ornament. In Abwandlungen findet sich dieses Motiv in grosser Fülle auf vielen Möbeln und Wandvertäfelungen. Im Rokoko löste die Asymmetrie die Symmetrie des Barock ab und die verwendeten Farben wurden heller und fröhlicher.
Möbel waren nicht mehr geradlinig und flächig. Sie hatten jetzt feine Schwünge. Die Kommode wird zum wichtigsten Möbelstück, ihr Name erscheint im Jahre 1708 zum ersten Mal. Sie wies in der Regel zwei bis drei Schubladen auf. Die Fronten und Seiten waren sowohl in horizontaler, wie auch in vertikaler Richtung geschwungen.
Auch der Tisch wurde immer wichtiger. Als Damensekretär, Toilettentisch, oder zweibeiniger, an die Wand gesetzter Konsolentisch. Nicht zu vergessen der Arbeitstisch mit vielen Schubladen und vor allem einem Geheimfach.
Das Sitzen auf den gepolsterten Kanapees, Chaiselongues und Fauteuils wird immer bequemer.
Drei Konstruktionstypen an Möbelformen waren wichtig:
- Das Intarsien Möbel: Edelste Hölzer wie Ebenholz, Nussbaum oder Rosenholz fanden Verwendung. Dafür wurden bis zu 10mm starke, in Form geschnittene Deckfurniere auf Nadelholzplatten mit Knochenleim verklebt und nach dem Einbau abgezogen und geschliffen. Was heute mittels CAD und maschinellem Stanzen relativ schnell vonstattengehen würde, war damals eine langwierige Angelegenheit. Waren es Motivmuster, mussten diese erst gezeichnet und für die Herstellung aus den verschiedenen Hölzern aufbereitet werden. Für den Vorgang des Stanzens benötigte es die entsprechenden Stanzformen. Gestanzt wurde, indem man mit dem Hammer auf die Stanzform schlug, nachdem es auf dem Furnier aufgesetzt worden war. War das Furnier zu dick zum Stanzen, wurde es mit einer Art Bandsäge sorgfältig von Hand ausgeschnitten. Dabei musste unglaublich genau gearbeitet werden, damit die verschiedenen Teile denn auch vollständig ineinanderpassten. Kein Wunder konnten sich solch aufwändige Arbeiten nur die Reichsten leisten.
- Das Lackmöbel: Nach chinesischem Vorbild. Ein aus Copal, Leinöl und Terpentin gemischter Lack wurde auf das Holz in mehreren Schichten aufgetragen. Nach dem Polieren verlieh dieser der Oberfläche einen Glanz, und ein angenehmes Berührungsgefühl. Die aufwändigen Möbel (und Parkettböden und Wandvertäfelungen) waren so auch resistenter gegen Kratzer und Wasserflecken.
- Das geschnitzte Rahmenmöbel: Durch spezielle Profilierungen der Friese und Füllungen versuchte man, die eigentliche Konstruktion zu verbergen
Selbst die Heizmöbel wie dieser Kachelofen wiesen die typischen Merkmale des Rokoko aus:


Turmofen im Rokokostil, Ende 18. Jahrhundert. Fotografiert im Kulturmuseum St. Gallen. Ursprünglich stand der Kachelofen in Rorschach.
Barock und Rokoko – die Zeit des Merkantilismus
Als 1592 Piraten ein Schiff eroberten, das mit bedruckten Baumwollstoffen aus Indien beladen war, erzeugten sie eine so starke Nachfrage nach diesen farbechten Textilien, dass die Briten um 1600 die „East India Company“ gründeten, die neben Stoffen auch Tee und Gewürze transportierte. Dieser Import beeinflusste die britische Wirtschaft derart, das um 1700 die Einfuhr bedruckter Baumwollstoffe verboten und erst 1774 wieder aufgehoben wurde.
Auch in Frankreich übten die indischen Stoffe grossen Einfluss auf Mode und Heimtextilien aus. 1661 führte Jean-Baptiste Colbert, Finanzminister unter Ludwig XIV, daher das Prinzip des „Merkantilismus“ ein.
Grundlage des Prinzips des Merkantilismus: Ins Land musste Geld strömen und musste dableiben, Importe wurden durch hohe Einfuhrzölle verringert. Eine starke Exportwirtschaft musste her, denn die französischen Staatskassen waren leer und warteten dringend gefüllt zu werden. So wurden unzählige Manufakturen im Kunsthandwerk gegründet. Seide, Glas, Spitzen, Spiegel, Holz und Tuch wurden zu Luxusgütern verarbeitet, ins Ausland transportiert und dort verkauft.
Trendsetter des Barocks – Ludwig der XIV
Ludwig der XIV mit seinem Hofstaat initiierte zum ersten Mal so etwas wie eine Weltmode. Er setzte wieder Kleiderordnungen fest, damit niemand ihm seinen Rang als Tonangeber streitig machen konnte. Dunkle Farben waren in. Grossflächige und streng symmetrische Motive angesagt.
Die Frauen trugen nun unter ihren Röcken den Reifenrock. Der Verbrauch an Spitzen und Stickereien war verschwenderisch.
Auf dem Kopf fanden sich Perücken und das Parfüm wurde erfunden. Zum Glück, denn Baden war eine Seltenheit und es heisst, dass die Menschen das Unterhemd und die Unterhose, wenn denn eine getragen wurde, nur etwa alle 4 Wochen gewechselt wurden.
Bei den Textilien folgten Mischgewebe aus Seide und Leinen der neuen Leichtigkeit. Der Chintz, ein Baumwollstoff in Leinwandbindung mit einseitig gewachster Oberfläche entsteht und wird in der englischen Innenarchitektur eine grosse Rolle spielen. Die Chlorbleiche lässt jetzt auch pastellene Farbtöne herstellen.
Die Reichen im Rokoko – Leben in einer Blase
In der Esskultur trat die «Haute Cuisine» auf den Plan. Diese geniessend, lebte die adlige Gesellschaft eine heitere, witzig elegante und oberflächliche Lebensphilosophie. Rauschende Bälle, Theater und Opern waren keine Wochenendvergnügungen, sondern tägliches Leben.
Ludwig XV setzte das verschwenderische Leben seines Vorgängers fort und mit ihm sein Hofstaat. In einer Blase lebend, hatten sie keine Ahnung vom wirklichen Leben. Die Realität der ärmeren Bevölkerung war ihnen völlig fremd, und sie taten auch nichts, um diese Tatsache zu ändern.
Am Hofe zu leben bedeutete aber auch, in einem extrem engen Korsett zu sein und die kleinsten Details der Etikette exakt einhalten zu müssen. Dem König morgens beim Aufstehen und Ankleiden zuzusehen, war nur eine diese Lächerlichkeiten.
Der kleinste Fehler konnte die Folge haben, die Gunst des Königs zu verlieren und innerhalb von Versailles umziehen zu müssen. Von der repräsentablen Wohnung in ein kleines Kämmerchen.
Diese Ausnutzung von Macht lässt mich schauern, aber noch mehr schaudert mich, wie Menschen, die eigentlich unabhängig hätten sein können, sich mehr oder weniger freiwillig versklavten. Kein Wunder war der Hof auch eine einzige Keimzelle von Lügen und Intrigen.
Quellen:
- Kulturmuseum St. Gallen
- Interior Design Designgeschichte, Ursina Ganzoni, Höhere Fachschule Südostschweiz
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