Weiss gestrichene Wellpappe, Schicht- und Bugholz: Diese Materialien stehen für die moderne Möbelfertigung. Man denke an den Riesen mit dem blauen und gelben Logo. Mit billigsten Materialien zu hohem Gewinn.
Das jedoch ist das Motto des Schweden, war es aber wohl nicht bei denjenigen, die mit diesen Materialien im Möbelbau experimentierten.
Ich habe sie im Kulturmuseum St. Gallen gesehen: Eine Verandagarnitur des Designers Hans Günther Reinstein (1880 – 1945), die er 1911 aus Pappe von der österreichischen Press-Stoff-Möbelgesellschaft in Wien herstellen liess.
Die Frage, wer die Pappmöbel erfunden hat, kann also als beantwortet angesehen werden. Auch wenn Google oder KI etwas anderes sagen. Sie setzen diese Erfindung nämlich viel später an.
Die Geburt der Pappmöbel
1908 entwarf Reinstein den ersten Sessel in dieser Machart, was 1909 zum Patent führte. Dieser Prototyp wurde von der Vereinigten Möbelfabriken Germania hergestellt, die später, als Reinstein mit der Herstellung von Wien wieder zu ihr zurückkehrte, eine verstärkte Version aus Buchenholz auf den Markt brachte.
In der Ursprungsversion wurde gewellte Pappe in ein Gerüst aus Bugholz eingespannt und durch Metallstifte mit der Sitzfläche verbunden.
Diesen Eisenstiften mit ihren schwarzen, ovalen Köpfen kommt somit neben der funktionalen auch eine schmückende Aufgabe zu, während die Wellen der Pappe dem Möbelstück auch einen dekorativen Charakter geben.
Zu diesen Wellen heisst es denn auch im Patent von 1909, dass die „grosse Widerstandsfähigkeit [der Seitenwände] zum Tragen genügt, ohne dass der Gegenstand eines tragenden Gerippes aus Holz, Rohr o. dgl. bedarf“.

Die Verwendung von Bugholz hat der Designer vielleicht von seinem Berufskollegen Michael Thonet abgekuckt, wer weiss. Dieser machte mit seinem Stuhl Nr. 14 Furore. Weil er nicht nur formschön, sondern auch erschwinglich war.
Hat sich Reinstein davon inspirieren lassen? Nun, ich finde, es ist ihm gelungen, denn ich finde diese Stücke schön.
Wie es mit der Bequemlichkeit ist, das konnte ich nicht testen. Die völlig geraden Lehnen dürften aber nicht das sein, was man als komfortabel bezeichnen würde.

Pappmöbel im Clinch: Handwerkskunst versus industrielle Fertigung
Es war die Ära des Jugendstils. Die entstanden ist aus einer Protestbewegung gegen die industrielle Fertigung in der Fabrik. Handwerkskunst und hochwertige Materialien sollten ihren Platz zurückerhalten.
Geschwungene, asymmetrischen Formen verliehen diesem Stil seinen Charakter. Titelseiten von Illustrierten und Werbeplakate erhielten mit dem Maler Alfons Mucha das ebenso typische und unverwechselbare Aussehen.
Farbige Verglasungen in den Stahlkonstruktionen prägten die Architektur dieser Zeit. Die Glasmalerei erlebte einen Aufschwung.
Wie empfanden die Verfechter dieser Bewegung die Möbel von Hans Günther Reinstein?
Er war Künstler, hatte in einer Künstlerkolonie in Darmstadt gelebt. Er entwarf Plakate die eindeutig diesem Stil zugeordnet werden können. Und erfindet dann ein Möbel, das vollständig in der Fabrik hergestellt wird?
Fragen über Fragen. Denn über die Person Hans Günther Reinstein findet sich nicht viel.
Aber die Pappmöbel, die blieben bestehen und das Sortiment wurde grösser.
Pappmöbel der Moderne
1966 brachte der Industriedesigner Peter Raacke eine Serie von Möbeln aus Wellpappe heraus. Dies ist übrigens das Jahr, den Google und KI als Erfindungszeitpunkt für Pappmöbel nennen.
Neben dem Sessel Otto (Bild links), entwarf er auch ein Stuhl in Form eines Hexagons. Für diesen gab es die Faltanleitung (Bild rechts).


Mit der Möbelserie «Easy Edges», und dem für diese Serie designte „Wiggle Side Chair“ folgte Frank Gehry im Jahr 1972.

Und dann, 1979 kam Hans-Peter Stange mit seinem Hocker „Maks“.

Warum Möbel aus Pappe?
Als erstes ist zu erwähnen, dass Pappe nicht gleich Karton ist. Pappe ist schwerer und kann in Lagen mehrere Millimeter dick sein, während Karton weniger Gewicht aufweist und nur bis ca. 1.4 Millimeter dick ist. Zudem ist Karton auch nur einlagig.
Pappmöbel haben Vorteile, ganz klar. So sind sie zum Beispiel zu 100% recyclebar und werden meist schon aus Altpapier hergestellt. Perfekt für die Kreislaufwirtschaft. Zudem ist ein eventueller Umzug wegen ihres leichten Gewichts und dem einfachen Aufbau leicht zu bewerkstelligen. Und preislich gibt es wohl fast nichts günstigeres zu kaufen.
Auch an Stabilität können sie erstaunlicherweise gut mithalten. Die richtige Konstruktion machts.
Optisch gibt es durchaus schöne Designs, wie ich bei der Recherche für diesen Artikel festgestellt habe. Vieles kann in einer Art Baukastensystem für den eigenen Geschmack und Bedarf zusammengestellt werden.
Aber nass werden geht nicht, und feuerbeständig kann man die guten Dinger auch nicht gerade nennen. Schon deswegen dürften sie sich in öffentlichen Räumen nie durchsetzen. Sie bestimmen einfach nicht die dafür nötigen Brandschutzvorschriften.
Und sowieso, ein Möbel aus Holz, selbstverständlich möglichst massiv und ohne Holzwerkstoffe, ist für mich nicht zu übertrumpfen. Das ist genauso Nachhaltig und in unserer Umwelt ebenso gut abbaubar.
Willst du selber eine Kartonschachtel basteln?
In meinem kreativen Workshop, kannst du genau das machen. Ob als Halbtageskurs oder autodidaktisch im Online-Workshop, du wählst frei wie es für dich passt.

Quellen:
- collectiononline.design-museum.de
- Kulturmuseum St. Gallen
- institut-aktuelle-kunst.de
- stange-design.de










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