Speisesaal des Hotel Ofenhorn in Binn, Kanton Wallis. Originalgetreue Rosentapeten und Stühle im Stil der Wiener Kaffeehäuser nach Michael Thonet machen den Raum einladend und heimelig.

aktualisiert: 23. Dezember 2025

Einleitung zu Michael Thonet

Kürzlich war ich im Kanton Wallis, in einem kleinen Dorf namens Binn. Ich residierte dort im Hotel Ofenhorn, eine Perle aus der Zeit der Belle Époque. Zurückversetzt in die Zeit des Biedermeiers genoss ich vier herrliche Tage in einer wundervollen Atmosphäre und hervorragendem Essen.

Das Haus hatte etwas anheimelndes, man fühlte sich einfach wohl und aufgehoben. Trotz, oder vielleicht wegen der Etagenbadezimmer und der Null-Sterne-Auszeichnung. Besonders angetan hatte es mir der Speisesaal, mit seinen originalgetreuen Rosentapeten und…dies ganz besonders…, den Stühlen im Stil der Wiener Kaffeehäuser. Diese Stühle in ihrer runden Schlichtheit und gleichzeitig so ansprechender Form gefallen mir seit jeher. Beim Anblick dieser Stühle wanderten denn auch meine Gedanken zum Erfinder der Bugholztechnik, dem Biegen von Holz mit Hilfe von Wasserdampf: Michael Thonet.

Natürlich war mir klar, dass ich im Speisesaal des Hotel Ofenhorn nicht auf Original Thonet Stühlen sass, das zeigte schon das fehlende Wiener Geflecht oder der Prägung auf der Sitzfläche. Trotzdem, die Form war genau dem Stuhl Nr. 14 angelehnt.

Speisesaal des Hotel Ofenhorn in Binn, Kanton Wallis. Originalgetreue Rosentapeten und Stühle im Stil der Wiener Kaffeehäuser nach Michael Thonet machen den Raum einladend und heimelig.

Belle Époque Speisesaal des Hotel Ofenhorn in Binn, mit seinen Stühlen im Stil der Wiener Kaffeehäuser.

Eine Erinnerung an Michael Thonets Schaukelstuhl B 814

Es ist bereits viele Jahre her, doch die Erinnerung fühlt sich noch so lebendig an, als wäre es erst gestern gewesen. Ich war bei einem Trödler und durchstreifte die Stockwerke. Dies ist eine Beschäftigung, die mir Freude bereitet. Es geht mir dabei nicht unbedingt ums Kaufen, sondern vielmehr darum, meine Neugier zu stillen.

Als letztes ging ich ein eine angrenzende Garage, in der die Sitzmöbel und Tische ausgestellt waren. Und da stand er vor mir, der Schaukelstuhl. Eindeutig in der Form nach Michael Thonets Bugholztechnik, mit völlig verschlissenem Wiener Geflecht. Überhaupt war der Zustand des Stuhles sehr schlecht. Trotzdem drehte ich ihn vorsichtig um und da war sie vor mir, die Papierschutzmarke die den Stuhl eindeutig als Original Thonet B 814 auswies. Und anhand der Art der Marke konnte ich ebenfalls feststellen, dass der Stuhl aus der Zeit vor dem Jahre 1896 stammen musste, dann ungefähr zu dieser Zeit wurden die Papierschutzmarken von Brandstempeln abgelöst.

Der Preis erschien mir damals für den allgemein sehr schlechten Zustand des Schaukelstuhls B 814 sehr hoch. Ich schlich länger darum herum. Kaufen oder nicht? Ich entschied mich dagegen. Und bereue es bis heute. Denn ich wäre in der Lage gewesen, diesen Stuhl zu restaurieren. In meinem Wohnzimmer hätte er den richtigen Platz gehabt.

Seither drehe ich oft Stühle in Brockenstuben um. Aber natürlich, eine solcher Fang kann man nicht alle Tage machen. Und während ich dies schreibe, kommt in mir wieder dieses Gefühl auf, nämlich mich ohrfeigen zu wollen dafür, das ich damals nicht zugegriffen habe!

Der Fabrikant Michael Thonet

Dieses Erlebnis mit dem Schaukelstuhl B 814 war der Auslöser, dass ich mich näher mit Michael Thonet beschäftigt habe. Ein schlichter Mann aus einem kleinen Ort, der die Industrie revolutioniert hat.

Mit der Bugholztechnik formte er nicht nur aussergewöhnlich schöne Möbel, er konnte damit noch weitere Vorteile verbuchen: Kostensenkung, Reproduzierbarkeit, industrielle Massenfertigung, Materialersparnis (Thonet hat schon damals «Zero Waste» betrieben), kurze Produktionszeiten und ein geringes Gewicht der Produkte. Aus diesem allem entstand ein weiterer Vorteil: Er konnte seine Produkte zu einem niedrigeren Preis verkaufen und sie wurden somit auch für weniger Betuchte erschwinglich.

Bereits 1857 wurde in einer seiner Fabriken die Teilung der Arbeit durchgeführt: Zu den schweren Arbeiten wurden Männer hinzugezogen. Für die leichteren wie dem Raspeln, Polieren, Flechten und Einpacken jugendliche Hilfsarbeiter und Mädchen. Das Rohrflechten wurde grösstenteils in Heimarbeit erledigt. Die Arbeitskräfte waren sämtlich ungelernt und nur auf ihre jeweiligen Arbeiten eingeführt.

Ich möchte hier nicht die Fliessbandfertigung in den Himmel loben, wir alle wissen um die Ausnutzung der Kräfte durch schlechte Arbeitsbedingungen, schlechte Löhne und lange Arbeitszeiten. Michael Thonet allerdings galt als einer, der selber in der Fabrik arbeitete. Es heisst, das Thonet sich immer wie seine Arbeiter kleidete, und darum manches Mal von den Geschäftsleuten, die in den Betrieb kamen, nicht erkannt wurde und diese somit nur mit Thonets Söhnen Kontakt pflegten. Für mich ein sehr sympathischer Zug. Ein guter Chef lässt nicht nur arbeiten, er packt auch selber mit an.

Es stünde Thonet der Verdienst zu, welcher heute Henry Ford seit Beginn des 20. Jahrhunderts mit seiner Autoproduktion zugeschrieben wird: Der Fordismus. Dieser steht für industrielle Warenproduktion. Für mich könnte es deswegen auch der Thonetismus sein. Ebenso gilt Henry Ford als Anhänger des Taylorismus, dem Prinzip einer Teilung in einzelne Arbeitsabläufe und gleichzeitig relativ hoher Entlohnung der Arbeitskräfte. Auch das stünde meiner Ansicht nach Thonet zu.

Der Mensch Michael Thonet

Er stammte aus Boppart (Deutschland), machte dort eine Tischlerlehre und gründete 1819 seine erste eigene Firma. Um 1830 begann er mit Versuchen, aus verleimten und gebogenen Hölzern Möbel herzustellen. Einen ersten Erfolg hatte er 1836 mit dem Bopparter Schichtholzstuhl.

1841 machte Thonet auf einer Gewerbeausstellung die Bekanntschaft von Fürst Metternich, der von Thonets Möbel begeistert war. Er lud ihn nach Wien ein und Thonet nahm diese Einladung gerne an. Sie bot ihm die Möglichkeit, seine Möbel dem Kaiserhaus vorzustellen. Doch trotz dieser Erfolge geriet das Unternehmen Thonet in eine Krise, das gesamte Eigentum der Familie wurde versteigert. So wanderten die Thonets 1842 definitiv nach Wien aus.

Dort, in Wien, fertigte Michael Thonet billige Stühle für den Möbelhändler Clemens List. So kam er in Kontakt mit dem englischen Architekten Peter Hubert Desvignes, der ihn an die Werkstatt Carl Leistler empfahl. Als Mitarbeiter dieser Firma bekam Thonet die Möglichkeit, zusammen mit seinen fünf Söhnen das Palais Lichtenstein auszustatten. Als diese Arbeit beendet war, machte er sich erneut selbständig. Architekt Desvignes unterstützte ihn zwei Jahre lang mit Geldzuschüssen. Mit dieser finanziellen Rückenstütze gelang mit Stuhl Nr. 1 auf der Londoner Industrieausstellung 1850 Michael Thonets Durchbruch.

Der erfolgreiche Tüftler Michael Thonet

Jetzt begann ein unglaublicher Höhenflug. Cafés und Hotels in und ausserhalb von Österreich orderten Stühle. Eine Bestellung konnte den Gesamtumfang von 400 Stück haben. Noch wurden sie zumeist aus Mahagoni oder Eschenholz gefertigt.

Der absolute Höhepunkt folgte 1859, in diesem Jahr wurde der Stuhl Nr. 14 erstmals gezeigt. Zusammen mit diesem Produkt entstand die geniale Vertriebsidee, in einer Transportkiste von jeweils einem Kubikmeter Rauminhalt 36 zerlegte Stühle inklusive Schrauben in die ganze Welt zu verschicken.

Sechs Holzteile ergeben einen Stuhl, und 36 Stühle ergeben den Inhalt für eine Transportkiste mit einem Kubikmeter Inhalt. Das geniale Produktdesign Michael Thonets.

36 Stühle, bestehend jeweils aus 6 Teilen, verpackt in die 1 Kubikmeter grosse Transportkiste

Die Stühle, bestehend aus 6 Teilen, 2 Muttern und 10 Schrauben, wurden dann am Bestimmungsort zusammengebaut. Das Industriedesign war erfunden und der Stuhl Nr. 14 gilt bis heute als das gelungenste Industrieprodukt überhaupt. Die Geschichte des modernen Möbels zu erschwinglichen Preisen, das man sich selber zusammenbaut, beginnt mit diesem Stuhl.

Nach dem Tode von Michel Thonet im Jahre 1871 führten seine Söhne das Unternehmen weiter. Um 1900 beschäftigten sie etwa 6000 Arbeiter, die 4000 Möbelstücke pro Tag fertigten. 1930 wurde die Stahlmöbelproduktion aufgenommen und Grössen wie Marcel Breuer, Le Corbusier und Ludwig Mies van der Rohe bescherten der Firma mit ihren Designs neue Verkaufsschlager.

Illustration zur Bugholztechnik von Michael Thonet, mit Händen, die einen flexiblen Ast biegen, und einem Stuhl im Wiener Stil im Vordergrund.

Diese Illustrationen stammen aus der Coopzeitung vom 5. Juni 2025


Anfangs fanden Hölzer wie Mahagoni oder Esche Verwendung. Während der stetigen Weiterentwicklung zeigte sich jedoch, das die Rotbuche am geeignetsten erschien. Die zugeschnittenen Buchenholzstäbe wurden in Dampfkammern unter Druck bei 100 Grad Celsius behandelt und die so elastisch gewordenen Stäbe in gusseisernen Formen gebogen.

Das Holz konnte splittern, um das zu vermeiden wurden dünne Stahlschienen an der Gegenseite befestigt. So konnte verhindert werden, dass das Holz über den Bruchpunkt gezogen wurde. Nach einer Zeit von etwa 20 Stunden in Trockenkammern mit 70 Grad Celsius wurden die Hölzer der Form entnommen, geschliffen, gebeizt und poliert.



Mein Fazit

Wunderschöne Möbelstücke, hergestellt mit dem schönsten Material Holz in einer jahrhundertealten Technik. Solche Sachen imponieren mir gewaltig. Und wie so oft bei grossen Persönlichkeiten: Er musste Zähigkeit beweisen und ganz unten durch, um dann umso höher zu fliegen. Mich überkommt Freude, dass es ihm gelungen ist und das wir uns bis heute an diesen proportional stimmigen Stücken erfreuen dürfen. Irgendwann wird ein Original Thonet Möbel mein eigen sein. Mit grosser Wahrscheinlichkeit das beste Stück des Produktdesigns, der Stuhl Nr. 14.

Quellen:

  • Möbel, die grosse Enzyklopädie, Judith Miller, Dorling Kindersley Verlag, ISBN 978-3-8310-0947-3
  • Schnellkurs Möbel, DuMont Verlag, ISBN 978-3-8321-7622-8
  • Schnellkurs Design, DuMont Verlag, ISBN 3-8321-3388-7
  • wikipedia.org
  • thonet.de


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