- Die Geschichte hinter dem Stoffruck, den Dessins und Rapporten
- Baumwollhändler der Schweiz: Gebrüder Volkart in Winterthur.
- Der Vorgang des Handdruckens
- Glarner Textildruck
- Die Dessins von William Morris und seiner Arts and Crafts Bewegung
Kürzlich hatte ich eine leere Mietwohnung neu zu streichen. Die letzte Mieterin war fast 60 Jahre lang in dieser Wohnung zu Hause gewesen. In mehreren Zimmern gab es Einbauschränke, dessen Tablare mit Papieren beklebt waren. Zum Teil sogar die Schrankinnentüren. Die Muster warfen mich in die 1970er Jahre zurück, denn aus dieser Zeit schätze ich, dass die Papiere stammen.


Wenn ihr diese Dessins (ein anderes Wort für Muster) oben anseht, stimmt ihr mir bei meiner Schätzung bestimmt zu. Unsicher werde ich allerdings bei diesem Dessin:

Es erinnert mich stark an die Muster, die meine Schwester und ich verwendeten, um die Schulbücher einzuschlagen, dass damals noch eine obligatorische Pflicht war. Dann wären wir allerdings in den 1990er Jahren…
Ich muss zugeben, dass ich in der Bekleidung nicht sehr bunt unterwegs bin. Ich mag leuchtende Farben, aber ich bin kein grosser Fan von Mustern. Dessins und Rapporte (der Rapport ist die ständige Wiederholung des Musters auf der Fläche.) gehören aber für mich in die Sparte Wohntextilien und Tapeten, da dafür umso mehr!
Die Geschichte hinter dem Stoffruck, den Dessins und Rapporten
Indien war seit dem 13. Jahrhundert das Zentrum des Baumwollanbaus und der Herstellung der Textilien. Sie hatten ausgeklügelte Methoden zum Färben und Bedrucken der Stoffe entwickelt, die sie über Jahrhunderte bewahrten und innerhalb des Landes von Generation zu Generation weitergaben. Dann kam 1492 Kolumbus und alles änderte sich.
Als 1592 Piraten ein Schiff eroberten…
… das mit bedruckten Baumwollstoffen aus Indien beladen war, erzeugten sie ein derartiges Interesse und eine so starke Nachfrage nach diesen farbechten Stoffen, dass die Briten um 1600 die „East India Company“ gründeten, die neben Stoffen auch Tee und Gewürze transportierte. Dieser Import beeinflusste die britische Wirtschaft derart, das um 1700 die Einfuhr bedruckter Baumwollstoffe verboten und erst 1774 wieder aufgehoben wurde. Es muss kaum erwähnt werden, dass in dieser Zeit der Schwarzhandel blühte.
Der Merkantilismus
Auch in Frankreich übten die indischen Stoffe grossen Einfluss auf Mode und Heimtextilien aus. 1661 – 1671 führte Jean-Baptiste Colbert, Finanzminister unter Ludwig XIV, daher das Prinzip des „Merkantilismus“ ein. Grundlage des Prinzips: Ins Land musste Geld strömen und musste dableiben, Importe wurden durch hohe Einfuhrzölle verringert. Eine starke Exportwirtschaft musste her, denn die französischen Staatskassen waren leer und warteten dringend gefüllt zu werden. So wurden unzählige Manufakturen gegründet, deren Waren ins Ausland transportiert und dort verkauft wurden: Seide, Glas, Spitzen, Spiegel, Holz und Tuch wurden zu Luxusgütern verarbeitet.
Wie in England um 1700, wurde auch in Frankreich 1686 die Einfuhr indischer, bedruckter Baumwollstoffe verboten. Wie in England wollte man damit die heimischen Textilhersteller schützen. Zwangsläufig verschwanden nach und nach die bedruckten Stoffe aus den Quilts, Kleider- und Vorhangstoffen.
Baumwollhändler der Schweiz: Gebrüder Volkart in Winterthur.
Der Schweizer Salomon Volkart reiste 1844 im Auftrage verschiedener Firmen nach Indien, man könnte sagen als beauftragter Trendscout. Denn zu dieser Zeit gingen zwei Drittel aller Schweizer Exportprodukte nach Nord- und Südamerika, Asien und dem nahen Osten. Die Reise von Volkart hatte zum Ziel, die Marktchancen der Schweizer Produkte in Südasien zu erkunden. Nach dieser Reise beschlossen Salomon Volkart und sein Bruder Johann Georg, ihr eigenes Handelshaus in Asien zu gründen, dessen Hauptsitz jedoch in Winterthur war.
Aus Asien exportierten sie hauptsächlich Rohbaumwolle, denn diese war vom Verbot ausgeschlossen. In England, Frankreich und auch der Schweiz hatte man mittlerweile die Verfahren des Bedruckens und Färbens gelernt (oder einfach geklaut?) und die Rohbaumwolle fand riesigen Absatz. Die Anbaumenge an Baumwolle erhöhte sich ständig. Indische Kleinbauern wurden von der britischen Kolonialregierung gezwungen, ihre Selbstversorgung aufzugeben und nur noch Rohstoffe für den Export anzubauen. Mit der grösseren verfügbaren Menge fielen jedoch die Preise immer mehr. Dies bedeutete für viele den Hungertod.
Auf dem Rücken dieser Ausbeutung wurde die Firma Volkart zum grössten Baumwollhandelshaus der Welt. Weil wohl die Baumwolle irgendwann zu wenig lukrativ war, verlagerte die Firma ihre Geschäfte auf den Rohkaffeehandel in Brasilien und wiederholte das gleiche, ethisch anzuprangernde Spielchen. Ende des 20. Jahrhunderts zog sich die Firma aus dem Handelsgeschäft zurück.
Der Vorgang des Handdruckens
Das Bedrucken oder Bemalen von Stoffen ist das älteste und künstlerisch wertvollste Verfahren um Stoffe in ihrem Aussehen zu verschönern.
Stempeldruck
Die einfachste und älteste Art des Stoffdrucks ist das Stempeln. Aus Materialien wie Hartgummi, Kartoffeln, Pappe, Linoleum oder Holz können Stempel auf recht einfache Art selber hergestellt werden. Wenn man das Material das nicht zum Motiv gehört und somit nicht gedruckt werden soll, wegschneidet oder weg fräst, erhält man die Druckform.
Musterentwurf
Um ein Muster oder Dessin selber zu entwerfen, werden zuerst Skizzen gesammelt und daraus das ausgesucht, welches am meisten ansprechend ist. Danach muss das Muster sauber ausgezeichnet werden, mit symmetrischen Formen und Strichen, die nicht verwackelt sind.
Wenn das Motiv (eine Blume, eine Blatt und ein Ast. Dies sind einzelne Motive die zusammen das Muster oder Dessin ergeben.) mehrere Farben aufweist, wird es mit Filzstiften oder Wasserfarben coloriert. Ist der Entwurf fertig, können die Formen auf das Material, das den Stempel bildet, übertragen werden. Dabei muss für jede Farbe ein eigener Stempel hergestellt werden.
Damit die mehrfarbigen Muster auf dem Stoff gut aussehen, ist das exakte Aufsetzen der Stempel das allerwichtigste. Wichtig dabei ist zu beachten, dass das Muster oder Dessin bei laufender Wiederholung ein stimmiges Bild ergibt, den sogenannten Rapport. Manchmal ist eine Anpassung am Motiv nötig, damit das Dessin und eben der Rapport seine Stimmigkeit erhält.
Wie du selber Inspirationen für Muster findest, Muster zeichnen und daraus einen Rapport herstellen kannst, habe ich hier in einer kostenlosen Anleitung erklärt.

Ein Einzelmotiv, vermutlich wurde es auf eine zuvor bereits bedruckte Fläche aufgebracht. Sehr gut sind die Unebenheiten im Holz zu erkennen, die durch das Schnitzen entstanden sind. Das Holzmodel ist aus meiner Sammlung.
Glarner Textildruck
Im Kanton Glarus in der Schweiz war der Stempeldruck auf Textilien lange Zeit eine grosse Einkommensquelle. Musterzeichner, von denen viele ihr Handwerk in Paris erweitert hatten, konnten sich je nach Kundenwunsch in verschiedene Stilrichtungen einfühlen, seien es nun Batikmuster, Kaschmirpalmetten oder islamische Rankendessins.

Holzdruckmodel mit Rankenmotiv. Dieses Model stammt ebenfalls aus meiner, kleinen Sammlung.
Druckmodel herstellen
War das Muster oder Dessin fertig, übertrugen die Stecher die Vorlage auf Hartholz wie Birne oder Buche und schnitzten das Überschussmaterial weg. Manchmal schlugen sie Messingstreifen in die Holzform, damit konnten feine Striche gedruckt werden. Für industriellere und somit schnellere Methoden wurden auch grosse Platten oder Walzen graviert.


In dieses Holzdruckmodel, ebenfalls aus meiner Sammlung, wurden Eisenstreifen eingelassen um feine und filigrane Formen zu drucken.
Stoffe bedrucken mit Druckmodeln
Waren die Druckformen fertig, wurden die Farben angemischt. Auf einem langen Tisch lag der zu bedruckende Stoff. (Vielleicht beim Handelshaus Volkart eingekauft?)
Neben dem Tisch stand ein Farbchassis, ein mit Farbe getränktes Stück Filz. Der Stempel (Model) wurde auf den Filz gepresst und danach auf den Stoff aufgedrückt. Mit einem eisenbeschwerten Stiel schlug der Drucker mehrere Male auf das Model, um ein ausgeglichenes Druckbild zu erhalten. Der Vorgang wiederholte sich so lange, bis der Stoff fertig bedruckt war. Dabei musste nach jedem Aufsetzen des Models die Farbe im Chassis neu verteilt oder aufgefüllt werden. Diese Aufgabe fiel oft Kindern zu.
Die Arbeit der DruckerInnen war eintönig und körperlich anstrengend. Den ganzen Tag standen sie über den Tisch gebeugt, was oft Rückenschmerzen zur Folge hatte. Auch das Model musste mit hohem Druck auf den Stoff gepresst werden, was Kraft erforderte. Die giftigen Farbgerüche behinderten zudem die Atmung und reizten die Augen. Klimaanlagen in den grossen Fabriksälen mit dutzenden Arbeitern war in der Mitte des 19. Jh. natürlich noch ein Fremdwort.
Die Dessins von William Morris und seiner Arts and Crafts Bewegung
Ein Mann der die industrielle Fertigung ablehnte und den Vorzug von individuellem und selten gewordenen Handwerkstechniken propagierte. Ich kann diesen Beitrag nicht ohne die Erwähnung von ihm machen. Er gilt als Begründer der Arts and Crafts Bewegung. Sein berühmter Entwurf der Artischocke kennen viele. Aber er hat noch so viel mehr geschaffen, zusammen mit Gleichgesinnten und Geschäftspartnern. Als Abschluss zwei der Entwürfe aus der William Morris Company, entstanden ca. zwischen 1915 und 1917, als der Meister selber bereits verstorben war, aber trotzdem wunderschön sind:


Quellen:
- P.M. History, April 2009, Im Glanz des Sonnenkönigs
- Broschüre: Das Glarner Textildruckmuseum im Freulerpalast Näfels, Jürg Davatz 1989
- wikipedia.org
- Indiennes, Stoff für tausend Geschichten, Schweizerisches Nationalmuseum, Christoph Merian Verlag, ISBN 978-3-85616-892-6










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