Die Gotik – dem Himmel möglichst nahe sein

Was du in diesem Artikel alles lesen kannst:

1. gotisches Wunder – der Mailänder Dom

Es ist über zwanzig Jahre her seit meinem Vollzeitstudium an der Schweizerischen Textilfachschule. Zu dieser Zeit machten wir eine Studienreise nach Mailand, an eine bekannte Stoffmesse. Damals noch ausgerüstet mit Digitalkamera, noch gab es keine fotografierenden Handys.

Ich stand vor dem gewaltigen Mailänder Dom und hatte von nichts eine Ahnung. Nicht, dass ich nach Dimensionen betrachtet vor der grössten Kirche der Welt stand. Nicht, welche Herausforderung ein solcher Bau zu jener Zeit gewesen war. Und auch nicht, welch architektonische Neuheiten in Bezug auf die Statik angewendet worden waren.

Ja noch schlimmer, das Bauwerk war mir nicht einmal ein Foto wert. Und während ich hier schreibe denke ich, dass ich mich jetzt in den Zug setzen könnte, um nach Mailand zu fahren. In guten vier Stunden wäre ich dort und könnte das Versäumte nachholen. Nach 24 Jahren Blindheit.

Zum ersten Mal strebte man gen Himmel, lange vor dem Stahl-Zeitalter mit seinen Wolkenkratzern, aber doch in einer Art Skelettbau. Es ging darum, viel Licht ins Gebäude zu bringen und in Gottes Nähe zu sein.

Die Gotik (12. bis 16. Jahrhundert), sie ist für mich mit Dunkelheit und religiösem Wahn verbunden. Vielleicht darum ist damals keine Fotoerinnerung entstanden.

Deshalb zeige ich die Stiftskirche Saint Martin im elsässischen Colmar. Sie wurde zwischen 1235 und 1365 erbaut. Auch sie weist typische gotische Elemente auf, so zum Beispiel das Masswerk, die Strebepfeiler und die Spitzbogen.

2. Gotisches Wunder – Hohe Domkirche Sankt Petrus (oder Kölner Dom)

Was hier entstand war die perfekte Kirche, das himmlische Jerusalem auf Erden. Vorausgesetzt, sie wurde jemals fertig. Allein die Fassade mit den beiden Turmgebirgen hatte der Dombaumeister auf viereinhalb Metern Pergament niedergelegt, und Mathias hatte ihn gefragt, ob er sich seiner Sterblichkeit bewusst sei.

Dieser Abschnitt stammt aus dem Buch «Tod und Teufel», ein Mittelalter-Krimi von Frank Schätzing. Das Bauwerk, um das es hier geht, ist der Kölner Dom. Sein offizieller Name: Hohe Domkirche Sankt Petrus. In einer Bauzeit von 632 Jahren (1248 – 1880, mit einem Bauunterbruch von 295 Jahren) schuf der Mensch ein Zeugnis seines Grössenwahns.

Bis heute ist der Kölner Dom die dritthöchste Kirche der Welt. Das beeindruckt umso mehr, wenn man an den Unterschied der damaligen und heutigen Möglichkeiten denkt in Bezug auf Hilfsmittel während des Baus.

Die Gotik und die Kreuzzüge

Es war die Zeit der Kreuzzüge, aufgerufen von den Päpsten als angeblich religiöse Tat, aber in Tatsache eine Folge von Machthunger und Geldgier. Wer etwas über diese Geschichten informiert ist, der weiss, dass die Kreuzzüge für die westliche Welt und den Katholizismus eine klare Niederlage darstellten.

Man kann die Sache aber auch umdrehen und versuchen, dass wenig Positive an der Abschlachtung tausender Menschen zu sehen. Wenigstens ein bisschen den Sinn all der Tode zu verstehen.

Betrachtet man das Ganze nämlich aus Sicht der Werkspionage, wird erkennbar, dass zu dieser Zeit Produkte, Arbeitsmethoden, Wissenschaften und Rohstoffe aus dem Orient in Europa eingeführt wurden. Die Baumwolle und deren Wert, im Orient bereits alltäglich, wurde im gotischen Zeitalter in Europa eingeführt und der Handel und der Kapitalismus in Zusammenhang mit diesem Produkt erblühte. Die Zünfte entstanden.

Zuweilen wurden das Leben sogar etwas versüsst. Denn die Ritter brachten aus dem orientalischen Raum Gewürze mit, die die Grundlage für Lebkuchen, Pfefferkuchen, Biberli oder Leckerli wurden: Pfeffer, Zimt, Anis und Nelken. Zusammen mit Honig war diese Backware lange haltbar, wenn auch für viele unerschwinglich. (Mehr zur Esskultur des Mittelalters findest du hier.)

Fortschritte der gotischen Architektur – die wichtigsten Merkmale

Die Gotik erreichte enorme Fortschritte in der baulichen Statik, was eine optisch leichtere und schlankere Bauweise mit sich brachte. Ermöglicht wurde dadurch auch, höher in den Himmel zu bauen. Hier die wichtigsten «Grundteile», die zu dieser neuen Statik gehörten:

Strebewerk:

Dazu wurden Strebepfeiler auf der Aussenseite des Gebäudes angebracht. Diese halfen, die seitlichen Kräfte von hohen Wänden abzuleiten, was den Einbau von höheren und grösseren Fenstern ermöglichte. Ein weiteres Ziel des Strebewerks war es, die Druckkräfte, die durch das Gewicht der Decken-Gewölbe und der Wände entstanden, abzuleiten und zum Fundament zu verteilen. Ohne diese Bauweise hätte die Gefahr bestanden, dass Wände nach aussen gedrückt werden könnten.

Eine erklärende CAD-Skizze zum Strebepfeiler, der links erkennbar ist und sich mittels einem Strebebogen mit dem Kreuzrippengewölbe verbindet. Zu erkennen ist auch der Schlussstein bei der Kreuzung der Kreuzrippen.

Kreuzrippengewölbe:

Durch selbsttragende Rippen, die sich wie in einem Quadrat überkreuzen, konnten die Druck- und Schubkräfte der Decken auf die Seitenpfeiler abgeleitet werden. Dabei befand sich am oberen Kreuzungspunkt ein Schlussstein. Die Öffnungen im Gewölbe zwischen den Rippen schloss man mit dünnschaligen Mauerfüllungen. Durch diese Bauweise wurden die Wände entlastet, was es wiederum möglich machte, die Wandflächen dünn zu halten oder mit grossen Fenstern zu füllen.

3D-Modell des gotischen Baustiles. Links aussen die Strebepfeiler, die verbindenden Strebebögen, Spitzbögen und das Kreuzrippengewölbe, das auf Pfeilern aufliegt.

Spitzbogen:

Was im antiken Rom der Rundbogen war, wurde in der Gotik der Spitzbogen. Er gehört zu einem der typischsten Merkmale der gotischen Bauweise.

Glasmalerei:

Grosse Fensterflächen ermöglichten einen Auftrieb für die Glasmalerei. Biblische und heilige Geschichten wurden in detailgetreuer, mühseliger Arbeit mit vielen bunten Glasstücken dargestellt und in Bleifassung gesetzt. Dazu musste zuerst das Bild an sich entworfen werden, dann wurden anhand des Entwurfs die Gläser und deren Farben ausgewählt. Sämtliche Bildteile mussten auf die Gläser aufgezeichnet und ausgeschnitten werden. Danach, in einer Bildecke beginnend, wurden die einzelnen Glasstücke mittels Bleiruten, die die einzelnen Stücke umfassen, zur ganzen Bildfläche zusammengesetzt.

Die Kapelle in der Kathedrale von Chartres, Nordfrankreich. Ein klassischer, gotischer Bau, der berühmt ist für seine vielen Glasmalereien.

Eines der berühmtesten Beispiele für die Kunst der Glasmalerei ist die Kathedrale von Chartres in Nordfrankreich. Sie gilt zudem als Beispiel für die klassische, gotische Architektur. Hier ein Bild aus der Kapelle, mit einem Teil der beeindruckenden Glasbilder.

Masswerk:

Quasi das Tüpfelchen auf dem I der gotischen Baukunst bildeten die filigranen Steinmetzarbeiten, mit meist geometrischen, mit dem Zirkel konstruierten Mustern. Kreise und Kreissegmente wurden vor allem in die Spitzbogen-Fenster gesetzt. Auch Balustraden, Laufgänge oder Brüstungen wurden mit Masswerk verziert. In der Spätgotik kam eine leicht asymmetrische Zierform hinzu, die sogenannte «Fischblase»

Wichtiges Element der Gotik: Das Masswerk. Steinmetze bearbeiteten in feinem Handwerk den Stein, um die dekorativen, geometrischen Elemente herzustellen.

Masswerk an der Stiftskirche Saint Martin im elsässischen Colmar

Wohnen in der Gotik – aus dem inneren der Häuser

In den Bürger- und Patrizierhäusern waren in holzreichen Gegenden die Decken, Fussböden und auch die Wände mit Holz vertäfelt. Es gab tonnenartige Holzdecken mit genuteten Balken und geschnitzten breiten Friesen, die die sakrale Bauweise von Höhe und Licht imitierten.

In holzärmeren Gegenden waren die Wände verputzt und mit kunstvollen Freskomalereien verziert. Am Boden konnten Stein- oder Keramikplatten verwendet werden.

Noch wurde mit dem Kamin geheizt, aber in der Spätgotik kamen erste Kachelöfen auf.

Das Mobiliar bestand noch immer aus der Truhe, es entstanden auch Schränke. Geschlafen wurde im Kastenbett. Zum Sitzen gab es wie in der Romanik den Faltstuhl, auch Scherenstuhl genannt.

Ein Scherenstuhl wie er zur Zeit der Gotik im täglichen Gebrauch war. Polsterungen waren noch nicht erfunden.

Es gab auch einen thronartigen Stuhl mit ziemlich gerader Rückenlehne. Da die Polsterung solcher Stühle erst in der Renaissance erfunden wurde, sass es sich vermutlich nicht gerade bequem.

Mit dem aufkommenden Bankenwesen und der sitzenden Tätigkeit der Kaufleute, wurde auch der Tisch immer wichtiger. Zuerst einfachere, später solche mit aufklappbarer Tischplatte, unter der ein Ablagefach angebracht war. Manchmal gab es auch eine Schublade.

Allen Möbeln gemeinsam waren die angebrachten Beschläge, die sehr kunstvoll waren und mehr der Optik, als der Stabilität dienten.

Langsam begann sich aus dem Zimmerhandwerk das Schreinerhandwerk zu entwickeln. Waren sämtliche Möbel in der Romanik noch sehr klobig und mehr praktisch als schön, entwickelte sich in der Gotik langsam eine feinere Arbeitsweise. Verbindungen wie Dübel, Nut und Feder, Schlitz und Zapfen und Gratleisten wurden erstmals eingesetzt. Diese Techniken sind bis heute Grundlage jedes Schreiners und jeder Schreinerin.

(Hier gibt’s weitere Wohnzimmergeschichten)

Mein Fazit zur Gotik

Dunkelheit und religiöser Wahn. Das waren bisher meine Vorstellungen der Gotik. Mit dem religiösen Wahn mag ich richtig liegen, nicht aber mit der Dunkelheit. Denn das Wichtigste war dem Baumeister, in seine Gebäude Licht zu bringen, grosse Fenster, die mit bunter Glasmalerei aufgewertet wurden.

Trotzdem, ich bin eine Frau, und als solche hätte ich nicht in diesem Zeitalter leben wollen. Unterjocht vom männlichen Geschlecht, nicht würdig, eigene Entscheidungen zu treffen. Emanzipation ist für mich kein grosses Thema und ich finde nicht, dass die Emanzipation nur Gutes gebracht hat. Doch wie der Wert der Frau in früheren Jahrhunderten betrachtet wurde, das ist wieder das extreme Gegenteil. Wehe man gab Widerworte, schon wurde man entweder zur Hexe oder zur Hure abgestempelt. Das bezieht sich natürlich nicht nur auf die Gotik, sondern spielt in früheren und auch späteren Epochen noch immer eine grosse Rolle.

Aber ich schweife ab. Wie auch in anderen Epochen liess es sich komfortabel leben, wenn man zu den Begüterten oder gar dem Adel gehörte. Als bäuerliche Bevölkerung bekam man von den Neuerungen nicht viel mit. Das Leben war und blieb ein täglicher Kampf.

Deshalb, ungeachtet meines Geschlechts, bin ich froh, im Heute zu leben. Auch wenn mich KI-Assistenten, Roboter und Automatisierung manchmal um 100 Jahre zurückwünschen lassen.

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Quellen

  • wikipedia.org
  • Warum die Schweiz reich geworden ist, Mythen und Fakten eines Wirtschaftswunders, Markus Somm, Stämpfli Verlag 2022, ISBN 978-3-7272-1288-8
  • Interior Design Designgeschichte, Ursina Ganzoni, Höhere Fachschule Südostschweiz
  • Bildwörterbuch der Architektur, Koepf/Binding, Kröner-Verlag. ISBN 978-3-520-34701-6


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Tausendsassa, Vielinteressierte und Autodidaktin.

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