Foto: ©QUITTENBAUM Kunstauktionen GmbH
Sie ist ein wichtiges Element in der Geschichte des Wohnens – die Frankfurter Küche. Wohl auch wegen dieser ersten in Serie gefertigten Küche kennen wir heute das Prinzip der Schweizer Einbauküche. Sie gab den Startschuss des modernen Küchendesigns.
Wie kam es dazu?
Das kannst du hier nachlesen:
- Das Frankfurter Ernst May Wohnprojekt und die Neuerfindung der Küche
- Frankfurter Küche und Frederick Winslow Taylor, wie hängt das zusammen?
- Taylorismus – Die Arbeit gegen die Stoppuhr
- Der Taylorismus innerhalb der Frankfurter Küche
- Die Frankfurter Küche – Details in Konstruktion und Material
- Fazit zur Frankfurter Küche
Das Frankfurter Ernst May Wohnprojekt und die Neuerfindung der Küche
In den 20iger Jahren des 20. Jahrhunderts war es in Frankfurt am Main ein Akt der Unmöglichkeit, eine Wohnung zu finden. Wohnungsnot und unwürdige hygienische und soziale Lebensumstände waren Alltag. Um diese Missstände beseitigen zu können, wurde vom Architekten Ernst May ein Wohnungsbauprogramm ins Leben gerufen, das Wohnen bezahlbar machen sollte. Dieses Programm wurde auf 10 Jahre ausgelegt, hiess «Neues Frankfurt» und wurde durch die monatlich erscheinende Zeitschrift «Das neue Frankfurt» dokumentiert.
Eine Mitarbeiterin dieses Projektes war die Wiener Architektin Margarethe Schütte-Lihotzky. Das Budget für die neue Siedlung war eng begrenzt, klar das somit nicht viele Möglichkeiten und nur geringer Platz zur Verfügung stehen würde. So orientierte sich Schütte-Lihotzky an den Küchen der damaligen Eisenbahnen. Die Küche wurde auf einer Fläche von 3.44m x 1.87m (6.4 m2!!!) so konzipiert, dass nur eine Person darin Platz findet. Damals natürlich die Hausfrau.

Nachbau der Frankfurter Küche, Urmodell von 1927. Foto: Christos Vittoratos, aufgenommen im Museum für angewandte Kunst, Wien
Aus folgenden Bestandteilen zusammengesetzt: Herd, Abstellplatte, Kochkiste, klappbares Bügelbrett, Speiseschrank, Drehstuhl, Tisch, Abfalleinwurf, Abtropfbrett, Spülbecken, Vorratsschubladen (Schütten aus Aluminium und Holz), Topf-, Müll- und Besenschränke, Heizkörper, herausziehbare Abstellplatten, Geschirrschrank mit verglasten Schiebetüren sowie einem Tellergestell.
Frankfurter Küche und Frederick Winslow Taylor, wie hängt das zusammen?
Die Architektin bediente sich bei der Planung dem Vorbild der von Frederick Winslow Taylor ins Leben gerufenen «Steigerung der Produktivität menschlicher Arbeit», heute als Taylorismus bekannt.
Ab 1895 wurden die Arbeitsmethoden in den Fabriken vorgegeben. Aufgaben wurden zerlegt und die Ausführung detailliert dargelegt. Die Arbeit wurde somit in kleinste Einheiten geteilt, sie wurde eintönig. Der Vorteil für den Fabrikbesitzer: Er benötigte kein Fachpersonal, sondern konnte jede und jeden anstellen. Dabei wurde nach Leistung gezahlt, das Akkordsystem war erfunden.
Taylorismus – Die Arbeit gegen die Stoppuhr
Da kommen meine eigenen Erinnerungen. Es war meine erste Festanstellung nach meinem Studium. Ich war zwanzig, soeben von zu Hause ausgezogen und genoss das Gefühl meiner ersten eigenen Wohnung. Das Erwachen in der harten Arbeitsrealität kam erst noch. Ich hatte einen Job als Gruppenleiterin in einem Produktionsbetrieb.
Das System der Akkordarbeit war hier noch immer Gang und Gäbe, und wir sprechen von den 2000er Jahren. Wenn eine Arbeiterin einen festgelegten Arbeitsschritt ausgeführt hatte, konnte sie von den beiliegenden Blättern ein Sticker mit einem Strichcode abziehen und auf ihren eigenen Tagesrapport kleben. Der Strichcode gab die Anzahl Minuten an, für die die Arbeiterin bezahlt werden würde, egal wie viele Minuten sie effektiv für den Arbeitsschritt benötigt hatte.
Meist war es so, dass die Arbeit mehr Zeit in Anspruch nahm als dafür bezahlt wurde.
Im Unternehmen war eine zuständige Person, die verantwortlich zeichnete für die Festlegung der Zeit pro Arbeitsschritt. Sie sass oft mit der Stoppuhr in meiner Gruppe, da ich sie kommen liess um die Zeit zu messen. Zum Beweis, dass die Bezahlung maximal schlecht war.
Als ich dann damit konfrontiert wurde, dass die Arbeiterin während der Zeitmessung absichtlich langsam arbeiten würde um für sich bessere Konditionen herauszuholen, setzte ich mich jeweils an die Maschinen und führte die Arbeitsschritte selber aus, während ich gestoppt wurde.
In der Geschäftsleitung kam ich natürlich schlecht an damit. Sehr schlecht. Der Nachteil des Taylorismus. Aber wie alles, gibt es auch hier zwei Seiten:
Der Taylorismus innerhalb der Frankfurter Küche
In Schütte-Lihotzkys Küche sollte eine Arbeitsersparnis durch kurze Wege bewirkt und der Person im Raum die Arbeit erleichtert werden. Diesem Gedanken wurde das Konzept allein schon dadurch gerecht, weil sie auf so kleinem Raum konzipiert war. Vielleicht aber gerade deswegen war es umso wichtiger, dass sie vollständig auf das Praktische ausgelegt war.
In unserer heutigen Zeit, in der wir alle die moderne Einbauküche kennen, mag uns die Frankfurter Küche nicht mehr so beeindrucken. Aber zur damaligen Zeit war Margarethe Schütte-Lihotzkys Konzept nicht nur extrem innovativ, sondern auch extrem durchdacht in ihrer Bauweise, auch in Bezug zu dem zur Verfügung stehenden Budget.
Zitat von Margarethe Schütte-Lihotzky: „Ich habe an dem ersten Modell der Frankfurter Küche dreiviertel Jahre gearbeitet, gemeinsam mit der Industrie. Dann haben wir eine Modellküche im Rathaus ausgestellt. Alle Frauenorganisationen sind dahin gekommen, so dass wir nach diesem Experiment dann die Massenherstellung der Küchen vornehmen konnten.“
Sie erfindet das System des modularen Aufbaus. Die Küche bestand aus einzelnen Elementen, die je nach Grundriss des Raumes flexibel angeordnet werden konnten. Dabei wurden die Einbauschränke noch vor der Fliesenlegung an der Wand montiert. Schränke und Regale boten viel Platz und waren durch Klapp- oder Schiebetüren einfach zugänglich. Ohne Schnörkel und in klarer Linienführung hat sie noch heute eine moderne Optik.

©QUITTENBAUM Kunstauktionen GmbH. Mit freundlicher Genehmigung. Die Schütten aus Aluminium und Eiche
Die Schütten aus Aluminium zum Beispiel sollten Ordnung und schnellen Zugriff auf verschiedene, oft verwendete Zutaten ermöglichen. Im ersten Modell sowie in den ersten seriell gefertigten Küchen waren diese Schütten relativ tief angebracht, im Gedanken an eine gute Zugänglichkeit. Die Hausfrauen waren damit jedoch unzufrieden, da sie dadurch für die Kinder gut erreichbar waren. In den späteren Modellen wurde das Urmodell leicht umgebaut und die Schütten weiter oben, ausser Reichweite für kleine Kinder angebracht.
Das Bügelbrett war hochklappbar, während das Essen auf dem Herd brutzelte konnte die Zeit zum Bügeln genutzt werden.
Die Frankfurter Küche – Details in Konstruktion und Material

©QUITTENBAUM Kunstauktionen GmbH. Mit freundlicher Genehmigung. Eine Frankfurter Küche aus der Ernst-May Siedlung, Melibocusstrasse 17, 2. Stock, Niederrad, 1927. Im Jahre 2017 wurde dieses Original für 18’000 Euro versteigert.
Die Farblackierung erfolgte erst nach dem Einbau der Möbel vor Ort, die Möbel wurden jedoch vor dem Einbau mit einem einheitlichen weisslichen, sehr dünnen Anstrich versehen, der vermutlich aus Schellack mit Gips bestand. Die Farbgestaltung war hell und freundlich, häufig in Weiss oder Pastelltönen. Dies trug dazu bei, den Raum grösser erscheinen zu lassen.
Herd und Spüle waren zum ersten Mal in die Elemente integriert und boten so eine aufgeräumte Optik.
Die Möbel waren somit fest in den Raum eingebaut und standen auf 10 cm hohen Betonsockeln, die mit Keramikfliesen verkleidet waren. Wohl auch aufgrund des niedrigen Budgets achtete man auf materialsparende Konstruktionsweisen: Einfache Holzverbindungen und Rahmenbauweise. Eine weitere Materialersparnis erzielte man, indem die einzelnen Möbel-Elemente ohne Rückwand hergestellt wurden. Die Korpusse stabilisierten sich erst beim Einbau durch Verschrauben mit der Wand oder anderen Schrankelementen. Die Holzverbindungen sind fast immer stumpf geleimt sowie zusätzlich genagelt.
Die Korpusse, Tablare, Schiebetüren und Schubkästen waren aus massivem Kiefernholz gefertigt, während Schranktüren und Fronten der Schubladen aus Tischlerplatte bestanden. Die Arbeitsplatte und Auflageleisten an den Schränken jedoch aus Buchenholz und die ebenfalls aus Buche bestehenden Abdeckungen der Unterschränke waren zusätzlich mit Linoleum belegt. Auf die Sichtkanten wurden Leisten aus Buchenholz genagelt.
Fazit zur Frankfurter Küche
Würde mir jemand eine solche Küche zum Einbau anbieten, ich wäre Abnehmerin dafür. Meine Küche wäre allerdings dann offen gestaltet, also nicht in einem kleinen Raum, sondern integriert in Essen und Wohnen. Grosszügiger gehalten als es dem Urgedanken entsprach.
Was ich etwas ungerecht finde ist, dass die Frankfurter Küche von Feministinnen verdammt wurde. Sie reduziere die Frau auf ein Küchenwerkzeug. Das mag in allem betrachtet auch stimmen, aber der Fortschritt in der Küchentechnik und im Küchendesign die mit diesem Projekt bewirkt wurde, wiegt weitaus höher. Noch ungerechter ist dieses Urteil, wenn man weiss, dass die Architektin zugleich auch Kommunistin und Frauenaktivistin war und mehrere Jahre während dem 2. Weltkrieg im Gefängnis sass.
Die hergestellte und eingebaute Zahl von Margarethe Schütte-Lihotzkys Küche erreichte immerhin die Zehntausend. Die Architektin selber wurde später auf die Erfindung dieser Küche reduziert, obwohl sie viele beachtenswerte Projekte umsetzte. In ihren späten Jahren soll sie ausgerufen haben: «Ich bin keine Küche!»
Quellen:










